Journalistenpoesie: Kaiserschmarrn

Hitler war schlecht. Daran wollen wir, gewissen Zeitströmungen zum Trotz, festhalten. Nur eins an Hitler war gut. Nein, jetzt kommt nicht wieder diese blöde Geschichte mit den Autobahnen. Aber zügeln wir unsere Erregung, erzählen wir der Reihe nach, andante grazioso!

„Wenn Hitler keinen Krieg angefangen hätte, wäre ich jetzt Frauenarzt in Königsberg.“ Sagt Prof. Joachim Kaiser (München) – und es schaudert uns. Denn da wir weder Frau sind noch aus Königsberg, wäre uns somit ohne Hitlers Krieg die wohl beglückendste Begegnung unseres Lebens erspart geblieben – und dies meinen wir menschlich, musikalisch und journalistisch.

Daß wir dem Schicksal (und dem Führer) in diesem einen besonderen Punkt dankbar sein müssen, ist uns schon lange klar. Trotzdem waren wir hocherfreut, daß unser Kollege Emanuel Eckard jetzt all das rückhaltlos ausgesprochen hat, was uns schon lange im Busen wogt und auf der Zunge brennt: Im Magazin der Süddeutschen Zeitung portraitiert Eckard für uns den berühmten (und einzigen) „Großkritiker“ der Süddeutschen Zeitung und überschreitet dabei (so muß Liebe sein!) jegliche denkbare Peinlichkeitsschwelle, amore con fuoco.

„Unser Mann ist ein Herr“, befindet Eckard gleich im ersten Satz. „Sein Name ist bekannt, er gilt als der Erste seines Fachs.“ Ja klar doch! „Unser Mann“ schreibt seine Kritiken nicht, er „komponiert“ sie, „er hätte Pianist werden können, und sicher kein schlechter“ – und also ist es ganz in Ordnung, daß „der Professor“ auch dieses Jahr in Salzburg im „Gasthof zum Goldenen Hirschen“ absteigen und das Zimmer 82 zu 550 Mark beziehen wird; daß man ihm ferner auch diesmal die köstlichen Flußkrebse und einen 78er Gevrey Chambertin Cru Coté de Nuits zu 385 Mark das Fläschlein auftischen wird, den Wein freilich leider wieder „etwas zu kalt serviert“, ein Verbrechen, das aber im Interesse Salzburgs und Mozarts mannhaft ertragen werden muß.

Leider können wir an dieser Stelle längst nicht alle köstlichen Einzelheiten aus Eckards Großer Hummerklaviersonate wiedergeben – verraten sei lediglich, mit einem kleinen Erröten, daß Prof. Kaiser im Zimmer 82 des „Goldenen Hirschen“ Lederpantoffeln zu tragen pflegt und daß er natürlich nicht nackt schläft, sondern im „grünkarierten Pyjama“; daß seine Sekretärin „Kühlchen“ heißt und sein Fahrrad „Der fliegende Holländer“. Und daß „unser Mann“ den Dirigenten Sergiu Celibidache, vor dem die SZ-Kollegen regelmäßig stammelnd niederknien, schlicht für ein „Arschloch“ hält, was zeigt, daß Herr Professor nicht nur prächtig zu dinieren, sondern auch kraftvoll zu flatulieren verstehen.

Geständnis: Wir haben Eckards wundervollen Kaiser-Walzer mehrmals hintereinander gelesen (und dabei zu vorgerückter Stunde ein gutes Fläschchen Rotwein geleert, von Aldi, der Liter zu 3,85 Mark). Doch plötzlich befiel uns ein schrecklicher Verdacht: daß die devote Idiotie dieses Aufsatzes nichts anderes ist als die gemeinste Ironie; daß sich in Eckards öffentlichem Liebesakt an unserem Professor ein glatter Mordversuch verbirgt; daß man uns den Kaiser womöglich als letztes, groteskes Exemplar der aussterbenden Spezies „Großkritiker“ vorführen möchte.

Es ist ein Abgrund, es wird uns schlecht. Wir, die aufrichtigen Liebhaber des Professors, steigen in unsere Lederpantoffeln, streifen den grünkarierten Pyjama über, legen Beethovens Klaviersonate op. 111 auf den Plattenteller – und weinen.