Von Martin Ahrends

Ein Westdeutscher erlebt aus sicherer Entfernung das Medienspektakel „Deutsche Einheit“ und sieht seine Freiheit bedroht. Vor allem aber seine westliche Überlegenheit („Trabis verstopfen die Straßen. Die in sie verklemmten Besatzungen klammern sich an die Vorstellung, bald könnten sie ihr Gefährt 1:1 gegen einen Golf oder Kadett eintauschen“). Wolfgang Herles fuhr, soweit aus seinem Buch ersichtlich, nicht gen Osten, er blieb hübsch im Land westlich der Elbe und nährte sich daselbst redlich von (West-)Zeitungen (die einzige Ost-Zeitung, die in seinem Buch vorkommt, ist die von Westlern herausgegebene Super!). In diesem Buch findet sich nicht eine einzige Begegnung mit dem authentischen Osten, mit lebendigen Ostdeutschen und ihren Lebensverhältnissen. Was Herles weiß, weiß er aus fleißiger Zeitungslektüre, aus dem Fernsehen und aus Berichten von drei Westdeutschen, die enttäuscht aus dem Osten zurückkehrten, nachdem sie enthusiastisch dorthin aufgebrochen waren. Was geschieht einem aber, der seine Informationen aus zweiter Hand bezieht? Er ist vor eigenen Erfahrungen geschützt. Er wird, statt ein eigenes Urteil zu gewinnen, nur seine Vorurteile präzisieren.

Da ist die große deutsche Verunsicherung mit einem durchgegangen, der eigentlich als ein kluger Medien-Profi gilt. Interessant ist das Buch dennoch, weil die Ängste des Wolfgang Herles vorm Einbruch des Ostens in seine nunmehr heilige westliche Welt durchaus typisch sind. Herles ist klug genug, die Diffamierung der Ostdeutschen selbst zu vermeiden, doch darf er sich, wie er bekennt, „klammheimlich freuen“ über Biermanns „Beschreibung des ostdeutschen Untertanen“ in dessen „fulminanter Büchnerpreis-Rede“. Nun freue dich, Herles! Biermann, der Hoyerswerda auch nur aus dem Fernsehen kennt, wird ausführlich zitiert mit einer Tirade auf das „brutale, stumpfsinnige Pack“ dort im Osten. Herles macht sich daran die Finger nicht schmutzig und nassauert doch gern von Biermanns starkem Tobak: „Solche Sätze kommen von Herzen und tun gut. Sie michen die Nase frei.“ Wohlsein!

Nachdem ein ARD-Team für ihn ein paar Bilder aus Hoyerswerda mitgebracht hat, ist dem Journalisten Herles „viel klarer, warum Auschwitz in diesem Land möglich war“. Nunmehr sei „jeder aufrechte Westdeutsche erst einmal von Herzen froh über die innere Teilung“. Das klingt meinen Ost-Ohren wie der Abgrenzungsjargon des Neuen Deutschland. Und wenn hier wieder Auschwitz bemüht werden muß: Die Judenvernichtung in Deutschland hatte gewiß auch mit der Abstraktion zu tun, die in jedem Pauschalurteil über Menschen steckt. Über Menschen, die man nicht persönlich kennt und auch gar nicht genau kennenlernen will.

Gegen Stammtischwahrheit ist kein Kraut gewachsen. Was nützt da die Bitte, den Teil nicht für das Ganze zu nehmen, wenn einer schon weiß: „Die meisten Ostdeutschen wirken angepaßt, schal“? Was nützte gegen Herles’ Donnerwetter vom enthemmten deutschen Pöbel die Bitte, den Ostlern doch wenigstens einen Bruchteil jener Zeit zuzugestehen, die man im Westen hatte, um den Umgang mit Ausländern zu üben?

„Die Westdeutschen sind bereit zu teilen“,schreibt Herles. „Aber ihre Seele, ihr Wesen können und wollen sie nicht opfern. Deshalb steigt im Westen die Kälte des Ressentiments, steigert sich zur Phobie.“ Auch wenn er es nicht ausdrücklich bekennt – Wolfgang Herles ist ein Opfer dieser Phobie geworden. Er fürchtet die „fremden Brüder“, denn: – Sie denken zu national, zuwenig europäisch. – Sie liegen den Westlern ungebeten auf der Tasche. – Sie wollen das Grundgesetz ändern. – Sie sind an dieser unseligen Hauptstadt-Berlin-Entscheidung schuld. – Sie wollen am liebsten aus der Nato raus (der „westlichen Wertegemeinschaft“). – Sie denken zentralistisch statt föderal, sie erwarten mehr vom Staat als von sich selbst (Beispiel: sie sind für die Null-Promille-Grenze). – Sie haben bei den letzten Wahlen den Oskar verhindert und sind auf Kohls nationale Phrasen hereingefallen. – Sie bringen das unsägliche Preußentum wieder ins Spiel gegen die römische Kultiviertheit des Südwestens („Die Eigenständigkeit der römisch grundierten süd- und westdeutschen Regionen ist bis heute Grundfaktor deutscher Geschichte“). – Sie begünstigen den Vormarsch der Slawophilie („Der alte Mythos der Seelenverwandtschaft der Deutschen und Slawen lebt auf“)!

Was hat denn der „aufgeklärte, xenophile, abendländische Westdeutsche“ Herles gegen die Slawen? Er schweigt. Über so Grundsätzliches herrscht am Stammtisch wohl unausgesprochenes Einverständnis.