Von Dirk Kurbjuweit

Vom Leibarzt eines Diktators zum Präsidenten einer Demokratie: Sali Berisha, heute 47 Jahre alt, sorgte früher für die Gesundheit des Stalinisten Enver Hodscha. Nun muß er die Wunden heilen, die sein einstiger Patient Albanien zugefügt hat. Hodscha ist tot, dessen Nachfolger Ramiz Alia hat abgedankt. Sie hinterließen Berisha eines der schwierigsten Präsidentenämter, das in Europa zu vergeben ist.

Sali Berisha regiert einen Trümmerhaufen. Mehr als vierzig Jahre Stalinismus und Isolation zerstörten die Lebensgrundlagen des albanischen Volkes. Im Februar stürmten verzweifelte Skipetaren Lebensmittellager und Bäckereien – seit Jahrzehnten die ersten Hungeraufstände in Europa. Die Polizei schoß scharf. Fünf Tote waren zu beklagen. Chaos und Anarchie beherrschen das Land. Die meisten Fabriken stehen still. Die Bauern warten auf bessere Zeiten. Die Kriminalität breitet sich blitzschnell aus. Halb Albanien sitzt auf gepackten Koffern und lauert auf die nächstbeste Gelegenheit, der desolaten Heimat den Rücken zu kehren.

Ohne Freunde wird es Berisha nicht schaffen. Hans-Dietrich Genscher zählt er dazu. Vor der Wahl in Albanien am 22. März besuchte er den deutschen Außenminister in Bonn und kehrte mit dem Versprechen heim, Genscher werde eine Gegenvisite machen, falls Berisha gewinnt. Dessen Demokratische Partei holte schließlich zwei Drittel der Stimmen. Genscher ließ nicht lange auf sich warten; er plante am vergangenen Mittwoch einen Besuch in der Hauptstadt Tirana ein. Gute Worte hatte er reichlich mitgebracht, Geld dagegen kaum. Das kleine Albanien rangiert ganz unten auf der Bonner Prioritätenliste. In Rußland, Polen oder der Tschechoslowakei gibt es mehr zu verlieren, zum Beispiel Kredite – und mehr zu gewinnen.

Mit seinem Präsidenten geht Albanien den russischen Weg, nicht den polnischen oder tschechoslowakischen. Ausgewiesene Regimegegner, die das Land in die neue Zeit führen könnten, fanden sich nicht. Berisha war Mitglied der stalinistischen Partei der Arbeit, wirkte als Funktionär im Gesundheitswesen und ist nicht durch kritische Worte aufgefallen. Kein Wunder, daß ihm da "die nationale Versöhnung" besonders am Herzen liegt. Die Dossiers des Sicherheitsdienstes Sigurime, der noch übler wütete als die Stasi, bleiben verschlossen. Berisha verteidigt dies mit einem Argument, das auch ehemalige Dissidenten schwer widerlegen können: In Albanien gehe es ums nackte Überleben; da müßten alle an einem Strang ziehen.

Bislang konnte der Herzchirurg keine Rezepte zur Rettung der kollabierenden Wirtschaft vorlegen. Er hat die Wahlen haushoch gewonnen, weil sein Auftreten die Albaner überzeugte: selbstsicher, eloquent, manchmal polternd, immer kraftvoll; eher ein Jelzin als ein Havel. Was ihm fehlen wird, ist eine nennenswerte Opposition. Seinen Hauptgegner in der Demokratischen Partei, Gramoz Pashko, hat er kaltgestellt. Im Parlament kann er die Sozialistische Partei, Nachfolgerin der Partei der Arbeit, spielend übergehen. Der albanischen Demokratie wird solche Machtfülle nicht guttun. Sie ist blutjung und könnte unter dem starken Präsidenten leicht zerbrechen. Wird Berisha Selbstbeschränkung in seinen Tugendkatalog aufnehmen?

Gelingt ihm dies nicht, könnte er vor allem außenpolitisch für einigen Wirbel sorgen. Die Lage rund um Albanien ist sensibel, vor allem wegen der Wirren in den Republiken des ehemaligen Jugoslawiens. Im Kosovo, derzeit eine autonome Provinz Serbiens, sind Albaner bei weitem in der Überzahl. Die Region gilt ihnen und den Politikern in Tirana als albanische Heimaterde. Berisha hofft auf eine Vereinigung mit den Brüdern und Schwestern; die Serben aber werden das nicht zulassen. Vor den Wahlen trat Berisha mit scharfer Zunge für den "nationalen Zusammenschluß" ein. Bleibt es bei diesem Vorhaben, ist der Konflikt mit dem nicht zimperlichen Nachbarn programmiert. Auch mit Mazedonien und Griechenland streitet Albanien um Gebiete und Minderheitenrechte. Eine sensible Chirurgenhand wäre hier dienlicher als die Faust des starken Mannes.

Berisha will Albanien, das jahrzehntelang im eigenen Saft schmorte, in die Nato führen. Auch die EG ist langfristig ein Ziel, allerdings ein utopisches, Albaniens wirtschaftliche Kraft paßt eher zu Afrika als zu Europa. Um halbwegs Anschluß zu finden, braucht das Land über Jahrzehnte Milliardenhilfen. Berisha wird sie zunächst freundlich einfordern, aber wenn das Geld ausbleibt, hält er eine Drohung in der Hinterhand. Europa fürchtet die Albaner, seitdem sie zu Zehntausenden nach Italien und zu Hunderttausenden nach Griechenland geflohen sind. Nun will nicht nur Berisha etwas von Westeuropa, sondern auch umgekehrt: Der Präsident soll alles tun, um seine drei Millionen Landsleute in Albanien zu halten.