Von Esther Knorr-Anders

Jeder hatte reichlich gegessen und gebechert, nun suchte lähmende Schläfrigkeit die Abendgesellschaft heim. In diesem Augenblick sagte die Gastgeberin: „Ist jemand von Ihnen schon mal hypnotisiert worden?“

Ein Wunder geschah. Die Runde wurde sofort putzmunter, alle redeten durcheinander. Vokabeln wie Humbug, Scharlatanerie, Selbsttäuschung fielen. Die Stimmen der Hypnose-Verteidiger schwollen zu beachtlicher Lautstärke an. „Uraltes therapeutisches Heilmittel, magischer Akt, mystisches Göttergeschenk tönte es.

Unanfechtbare Siegerin blieb die Gastgeberin, denn sie hatte als einzige im „magischen Akt“ Erfahrung, Man hätte die berühmte Stecknadel auf den Teppich fallen hören können, als sie erzählte, auf welch ungeahnte Weise sie ein glücklicher, selbstsicherer, beschwingt und schmerzfrei durchs Leben wandelnder Mensch geworden war. Voraussetzung sei allerdings gewesen, dem Hypnotiseur „hingebungsvolles Vertrauen“ entgegenzubringen.

Ihre Ausführungen ergaben einen tiefgründigen und für manche Seelen Bängnis erregenden Sachverhalt. Wir erfuhren, daß Bewußtseinsänderung verhältnismäßig einfach zu erreichen sei, sie würde einen jählings übermannen, wenn man sich – unsere Gastgeberin zitierte ein Lehrbeispiel – intensiv vorstelle, ein Tiger schleiche zum Zimmer herein und direkt auf einen zu. In Sekundenschnelle fühle man sich aller seelischen und körperlichen Beschwernisse ledig, denn für das erschütterte Bewußtsein zähle einzig und allein der Tiger. Das leuchtete ein.

Gebannt lauschten wir der Schilderung des ersten Kontaktschlusses mit dem Hypnotiseur. Erfolgreich hatte er mit ihr eine „Induktionsschleife“, einen „Rapport“ aufgebaut. „Sie hören nichts als meine Stimme, Sie liegen entspannt, Ihr Atem geht ruhig, wir atmen im gleichen Rhythmus langsam und tief, Sie schauen auf meine Krawattennadel, nur dorthin. Ihre Augen werden müde. Schließen Sie getrost die Lider. Und während Sie so verharren, spüren Sie die Wärme eines sanften Windes. Sie gleiten tief, tief in erquickenden Traum...“

Keiner muckste sich. Wir saßen wie hypnotisiert. Endlich fragte einer: „Wie wurden Sie denn wieder normal? Ich meine, wie kamen Sie da raus?“ Versonnen erläuterte sie: „Durch die Rückführung, durch den Countdown. Ich horte ihn sagen, daß er nun rückwärts zahlen würde, von zehn bis eins. Bei der letzten Zahl würde ich mit Wohlgefühl hellwach sein. Und so war es!“