Manche finden ihr inneres Gleichgewicht erst in extremen Situationen. Wenn sie bis an die Grenze ihrer physischen und psychischen Leistungsfähigkeit gehen. Nur da, so sagen sie, gelangen Geist und Seele in höhere Sphären. Reinhold Messner etwa erreicht diesen Zustand der Glückseligkeit nur, wenn er einen Achttausender aus eigener Kraft erklommen hat oder wochenlang durchs Eis marschiert ist.

Auch Eddy L. Harris, schwarzer Amerikaner aus St. Louis, hat sich in eine Extremsituation begeben und davon in seinem Buch „Mississippi Solo“ (Mit dem Kanu von Minnesota nach New Orleans; deutsch von Elke vom Scheidt; Rowohlt Taschenbuch 12646; 12,80 DM) Zeugnis abgelegt: „Ich beschloß, im Kanu den Mississippi hinunterzufahren und herauszufinden, aus welchem Schrot und Korn ich gemacht bin.“ Daß er weder über ausreichende Erfahrung beim Paddeln noch über eine angemessene Ausrüstung verfügt, hält den ehrgeizigen Mann nicht von seinem Vorhaben ab.

Harris paddelt also vom Lake Itasca bis nach New Orleans, 2000 Meilen lang. Aber wir sitzen nicht im selben Boot! Was für den Abenteurer von Bedeutung gewesen sein mag, die Begegnung mit Menschen etwa, die ihm gute Wünsche mit auf den Weg gegeben haben, kann er dem auf dem Trockenen sitzenden Leser nicht vermitteln. Diese Figuren huschen schemenhaft vorüber.

Ebenso im Nebel bleiben die berühmten Schriftstellerkollegen, auf die der Fluß eine genauso große Faszination ausübte: Hemingway und Mark Twain werden von Harris nur erwähnt. Über den Fluß indes schreibt er im vermeintlichen Duktus des Schriftstellers: „Zweischneidig wie ein Breitschwert und scharf wie eine Rasierklinge, wenn er sich seinen Weg durch das Gelände bahnt, sogar dann, wenn er sich in mein Inneres schlängelt, eine tiefe Furche gräbt und die Leere sofort wieder ausfüllt.“

Daß eine Kanufahrt auf dem Mississippi eindrucksvoll ist, das glaubt man gern. Und hat es vielleicht auch schon vor der Lektüre von gut 300 Seiten geahnt. Gleichwohl ist die Erkenntnis, zu der Harris am Ende seiner Reise gelangt, nicht für jeden nachvollziehbar: „Und dann weiß ich, was es ist, was es war, was es für immer sein wird. Wenn ich leben will, wenn ich frei leben und im Streben nach Ruhm hoch aufsteigen will, dann muß ich bereit sein zu sterben.“

Geistige Ergüsse dieser Art produziert der Kanute bei fast jedem Paddelschlag. Aber leider hält er nicht einmal für erwähnenswert, wieviel Zeit er für die Flußfahrt tatsächlich gebraucht hat. Vermutlich verliert man, umgeben von so viel Wasser, den Sinn für schlichte Informationen.

Jeanette Stickler