Eine Ausstellung und ein Buch über Künstler aus Bethel

Von Raimund Hoghe

Die Bilder des Analphabeten Oskar Bernasko, der 1891 im Saarland geboren wurde und 1979 in Bethel starb, zeigen Buchstaben. Mit Wasserfarben oder Filzstiften hat der halbseitig gelähmte und zeitweise unter epileptischen Anfällen leidende Patient der Bodelschwinghschen Anstalten irritierende Buchstabenreihen gemalt Auf die Vollständigkeit des Alphabets oder die Reihenfolge der Buchstaben kommt es dem Maler dabei nicht an. Seine Bilder buchstabieren eine andere Welt und weisen auf eine andere als die bekannte Ordnung.

Zu sehen sind die ungewöhnlichen Buchstabenbilder von Oskar Bernasko jetzt zusammen mit Arbeiten von dreißig anderen Außenseiter-Künstlern in einer Ausstellung in Neuss und in einem Buch: "Mitteilungen. Bilder und Zeichen aus Bethel", gesammelt und zusammengestellt von dem Diakon und Künstler Werner Pöschel. Aus der von ihm über Jahre aufgebauten umfangreichen Sammlung der Bodelschwinghschen Anstalten hat er mehr als hundert Werke ausgewählt.

Die Mitteilungen aus Bethel setzen Zeichen und machen Mut. Beeindruckend ist, abgesehen von der Qualität einzelner Ausstellungsstücke, das breite Spektrum. Neben kindlich wirkenden naiven Blättern finden sich strenge Konstruktionszeichnungen, abstrakte Arbeiten stehen neben realistischen Darstellungen, Collagen neben Hinterglasbildern. Keramikfiguren sind zu sehen und menschenleere Stadtansichten, expressive Bilder und beklemmende Raumnachbildungen,

Grenzen werden überschritten und Möglichkeiten sichtbar – zum Beispiel die Ausdruckskraft der Außenseiter, die sich nicht einordnen und klassifizieren lassen. Bestätigt wird dabei wieder einmal eine Aussage des Malers Jean Dubuffet, der 1949 in seinem Katalogvorwort zu einer großen "L’art brut" -Ausstellung in Paris feststellte, "daß es ebensowenig eine Kunst der Verrückten gibt wie eine Kunst der Magen- oder Kniekranken". Zitiert wird seine Äußerung jetzt auch in der Einladung des Neusser Clemens-Sels-Museums, wo die Wanderausstellung noch bis zum 17. Mai zu sehen ist (anschließend unter anderem in Berlin, Paderborn, Bitterfeld und Frankfurt/Oder).

Die Ausstellung wie auch der sie begleitende Bilderband des Bethel Verlags (290 Seiten, 48 Mark) ermöglichen den Blick in eine vielen unbekannte Welt, deren Bilder und Zeichen für manche ganz einfach zu entschlüsseln sind. "Das ist die Himmelsschrift", erklärt etwa der sechzigjährige Klaus Peter Schubert, der in seinen Arbeiten oft fremde Schriftzeichen zitiert und neben die Malerei setzt. Die Geschichte der vorgestellten Künstler aus Bethel wird in dem Bildband auch in biographischen Texten und in Portraits des Photographen Jürgen Escher erzählt, Sie zeigen die zwischen 30 und 88 Jahre alten Frauen und Männer in ihrer alltäglichen Umgebung, in der sie sich mit ihren sehr persönlichen Zeichen und Bildern zu behaupten suchen.

Nicht wenige von ihnen gehen dabei von Fundstücken aus, von Bildern und Gegenständen aus der sogenannten normalen Welt, die sie verfremden und auf ihre Weise sehen – wie der seit über vierzig Jahren in Bethel lebende Werner Scheer, der seine Vor-Bilder in Büchern, Zeitschriften und Prospekten findet und sich danach ein eigenes Bild macht von fernen Landschaften, fremden Menschen und einem aztekischen Sonnengott, den er malend in seine Welt holt.