Eine alte Affäre, die längst abgeschlossen schien, bekommt neuen Auftrieb. Ein kompliziertes Puzzle scheint bisherige Vermutungen zu bestätigen, daß Alexander Schalck-Golodkowski auch bei der Abwicklung des verbotenen deutsch-südafrikanischen U-Boot-Geschäfts zwischen 1984 und 1987 Pate gestanden hat.

Der erste Hinweis dazu stammt vom 22. Januar 1991. Ein Beamter des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Köln notiert an diesem Tag: "Quelle Glasschüssel berichtete, daß man in ehemaligen MfS-Kreisen offen darüber spreche, daß Schalck-Golodkowski Waffen- und Embargogeschäfte, auch für Konzerne der Bundesrepublik, in immensen Größenordnungen abgewickelt haben soll. Auch die U-Boot-Affäre sei über Schalck-Golodkowski gelaufen." Am 12.Februar des gleichen Jahres schreibt ein anderer Verfassungsschützer nach weiteren Berichten der gleichen Nachrichtenquelle auf, daß bei Schalcks Waffenexporten "ein Zusammenhang mit der U-Boot-Affäre vermutet werde".

Zur Erinnerung: 1984 haben die Howaldtswerke/Deutsche Werft (HDW) in Kiel und das Ingenieur-Kontor Lübeck (IKL) mit Südafrika einen Vertrag über die Lieferung von U-Boot-Blaupausen inklusive Know-how und Zubehör geschlossen. Obwohl es für den Export keine amtliche Genehmigung gegeben hat, ist das Geschäft nach Erkenntnissen zweier Untersuchungsausschüsse des Deutschen Bundestages zumindest in seinen wichtigsten Teilen auch abgewickelt worden. Der genaue Umfang der deutschen Leistungen und der südafrikanischen Gegenleistungen ist allerdings nie genau geklärt worden.

Aktenkundig ist allerdings: Die Firmen hatten für den Fall Vorsorge getroffen, daß Bonn, anders als erwartet, den Handel nicht offiziell genehmigen würde. Das Geschäft sollte dann alternativ über Drittländer abgewickelt werden. Bevor der Verfassungsschutz seine Quelle Glasschüssel angezapft hatte, waren die Türkei und Israel als mögliche Dreieckspartner vermutet worden. Daß sich die DDR in westdeutsche Waffengeschäfte mit dem Apartheid-Staat Südafrika einlassen würde, schien früher undenkbar.

Doch immer wenn viel Geld auf dem Spiel stand, wich auch die DDR von ihren Prinzipien ab. Als sich Ende 1984, Anfang 1985, also einige Monate nach dem Vertragsabschluß mit Südafrika, abzeichnete, daß die Bundesregierung keine amtliche Genehmigung für den Südafrika-Deal geben würde, fielen Ereignisse zusammen, die mit Zufall allein nicht mehr zu deuten sind. Alexander Schalck-Golodkowski erteilte seinen Mitarbeitern im Bereich Kommerzielle Koordination ganz überraschend den Auftrag, in aller Eile das südafrikanische Passagierschiff Astor I zu kaufen. Das ehemalige ZDF-Traumschiff, das auf der Kieler Werft von HDW gebaut worden war, sollte das DDR-Schiff Völkerfreundschaft des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) ersetzen. Der Kauf, über den Schalck auch mit dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden von HDW, Emst Pieper, verhandelt hat, wurde binnen weniger Wochen perfekt gemacht, just in der Zeit, in der U-Boot-Blaupausen aus der Bundesrepublik in südafrikanischem Diplomatengepäck nach Südafrika transportiert wurden. Ernst Pieper war es auch, der schon im Oktober 1983 den damaligen Bonner Finanzminister Gerhard Stoltenberg "persönlich-vertraulich" über das geplante U-Boot-Geschäft unterrichtet hatte.

Überraschend und ungewöhnlich ist die Vereinbarung über den Kaufpreis der Astor 1. Die Deutsche Afrika-Linie Hamburg, die zwecks Tarnung als Verkäufer des Schiffes fungierte, verlangte als Kaufpreis 185 Millionen Mark. Diesen Preis akzeptierte Schalck nicht. Südafrika war aber bereit, bei HDW ein neues Schiff, die Astor II, zu bestellen. Und da "HDW-Salzgitter AG, Vorstandsvorsitzender Pieper, für diesen Auftrag 20,0 Mio Subventionen bezahlt", ermöglichte das Schalck den "Kauf in Höhe von 168 Millionen DM", wie er seinem vorgesetzten Minister Günter Mittag schrieb. Außerdem unterrichtete er Mittag, daß er "durch spezielle Finanztransaktionen einen Endpreis von 145 Mio" gegenüber ursprünglich 185 Millionen erzielen konnte.

Einzelheiten der "speziellen Finanztransaktion" sind in den bisher vorgefundenen Schalck-Unterlagen zwar nicht zu erkennen, es ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß die Hamburger Staatsanwaltschaft ihnen auf der Spur ist. Die nämlich ermittelt unter dem Aktenzeichen 151 JS 137/88 schon seit längerem gegen die Deutsche Afrika-Linie Hamburg, über die der Astor-Handel abgeschlossen wurde. Die Linie wird des Subventionsbetrugs im Bereich der Handelsschiffahrt verdächtigt.