Immer, wenn sie die steile, schmale Straße mit dem halsbrecherischen Pflaster hinuntersegelte, wußte ich, daß ich jetzt keine Chance mehr hatte. Sie war die Vorbotin einer ganzen Bewegung schwarzgewandeter, ebenso fest auftretender und geschwind ausschreitender Hausfrauen auf dem Weg ins nächste Lädchen. Dort würde sie dann über die Qualität eines Waschmittels und den Reifegrad der Tomaten debattieren. Meine Chance, zuvor schnell noch eine Zwiebel zu erstehen, war vertan. Schnell kauft man hier nämlich nichts ein. Erst wird die Bekanntschaft begrüßt und dann über den vergangenen Abend und den bevorstehenden Verwandtenbesuch geredet. Da stehe ich nun in dem kleinen Laden in Salobrena an der Costa del Sol und komme mir vor wie einem anderen Sonnensystem zugehörig.

Das Ortchen Salobrena liegt eingeklemmt zwischen den Tourismusarealen Almunecar und der östlichen Costa del Sol und hat damit, wie wir gesehen haben, herzlich wenig zu tun. Dem Rummel ist es nur in Maßen ausgesetzt. Vor allem Jugendliche aus dem knapp hundert Kilometer entfernten Granada nutzen den nahe liegenden Strand. Dieser Umstand hat Salobrenas hochragender Kulisse einen Saum von mäßig häßlichen Ferienappartementhäusern verschafft und ein, zwei Souvenirgeschäfte.

Zentrum und Strand sind fein säuberlich voneinander getrennt. Von einem arabischen Castillo aus dem 10. Jahrhundert hoch oben auf der Bergspitze verlieren sich die weißen kubischen Häuser in zierlichem Gewirr hinunter in die Ebene, Platz lassend für die Kirche und ein kleines, aber historisches Rathaus, in dem auch die Polizei sitzt. An dem Altersheim in der großen Kurve wird seit Monaten eher gebastelt als gebaut. So jedenfalls befinden die alten Männer, die sich täglich zu einem Plausch auf einer Bank gegenüber dem neuen Supermarkt eingefunden haben. In den Nischen und Biegungen der Treppchen und Gassen stößt man auf Geschäfte mit Sternenlitze und Überraschungseiern, arabischem Brot und Coladosen, auf ein Nebeneinander von Altmodischem und allem möglichen Firlefanz. Die Sonne verbannt die Salobrenos in ihre Häuser, während des Tages wirkt das Örtchen still und ruhig, verschlossen und verlassen. Nur die Vögel in dem verstaubten, müden Zoo an der Avenida zwischen Strand und Stadt müssen im flirrenden Licht ausharren. Salobrena – das ist ein Muster von einem pueblo blanco, einem weißen andalusischen Dorf, das üblicherweise mit einer arabischen Festung und einer christlichen Kirche ausgestattet ist. So auch unseres.

Es gibt kein Telephon in Salobrena. In den weißen, geraniengeschmückten Gassen wird jeder Ton durch ein hohes Echo geadelt, dreifach, vierfach schallt er zurück. Salobreña mit seinen knapp 9000 Einwohnern ist von der Neuerung dieser Kabel, an deren Ende ein Apparat hängt, ausgeschlossen. Paco, ruft es zur Zeit der Siesta durch die Straßen, immer wieder: Paco, a comer, Paco, komm zum Essen. Es hört sich an, als halte sich Paco im vier Kilometer entfernten Motril auf. Aber Paco wohnt nur um die Ecke und trollt sich schon.

Paco ist nicht der einzige, der jeden Mittag an die Töpfe gerufen wird. Schlimmer noch ist Antonio, der sich allem Anschein nach nie zu Hause aufhält. Die Schreie nach Antonio wecken die Hähne noch hundert Kilometer weiter, übertönen selbstbewußt die Kirchenglocke, und das heißt in Salobrena ziemlich viel. Antonio ist der Meistgesuchte des Ortes. Kommunikation, das wird einem Außenstehenden schnell klar, ist hier ein mitmenschliches Ritual, und das überläßt man nicht den Apparaten mit den Strippen.

Die Besitzerin des Sieben-Herrlichkeiten-Ladens am Rathausplatz hält mich energisch zurück, als ich erzähle, daß ich nun bald abreisen will. Das geht nicht. Denn das muß man sehen, sagt sie. Miß Salobrena wird gewählt, endlich ist es soweit.

Vorher holt man noch die Madonna aus der Kirche, trägt sie einen Tag lang durch die Straßen spazieren und setzt sie dann in ein blumengeschmücktes Boot, das die fünf Fischer von Salobrena begleiten.