Aus: Meine Voraussetzungen (1966)

Keine raunenden Botschaften; keine Ideologien, denen man zunicken könnte; keine dampfenden Bedeutungen; keine abhebbaren Tendenzen; keine echten Anliegen; keine Bildungsbrocken für Leser, die ihre Lektüre allein danach absuchen; keine verbindlichen Aussagen; keine Ideen vom großen und ganzen; keine Charaktere, die nach psychologischen Richtlinien agieren; keine Moral; aber: Spiel, Heckmeck, Hokuspokus, Burleske, Wortakrobatik, Spaß; Spaß, der freilich an jeder Stelle umschlagen kann in Entsetzen. Das soll weder in den Klapperkasten der schöngeistigen noch der engagierten Literatur passen. Sicher ist aber, daß alle Stoffpartikel, die ich verwende, alle Sachverhalte, die ich darstelle, aus der Realität stammen und auf die Realität gerichtet sind. Ich verarbeite Erfahrungen, die ich in dieser Gesellschaft gemacht habe, und ich lege sie gegen diese Gesellschaft, die in ihren Konventionen fett geworden ist, an; aber natürlich weiß ich, daß sie sich von Büchern kaum aus ihren Gewohnheiten aufscheuchen läßt. Die Beteuerungen von Autoren, ihre Bücher seien für alle da, klingen solide, in Wahrheit sind sie arrogant oder naiv optimistisch. Ich verkneife mir die Verbeugung nach allen Richtungen. Wer nicht lesen will, wird nicht lesen; wer etwas anderes lesen will, wird etwas anderes lesen.

Nachbemerkung (1991)

Der Zustand der Buchwarenindustrie ist nicht sonderlich anregend, aber bemerkenswert. Die Welt müßte aufstöhnen unter dem Gewicht der Bücher, aber sie erträgt das bedruckte Papier scheinbar leicht und fast nebenbei. Hier wäre der Moment, einige persönliche Erfahrungen im Umgang mit dem Literaturbetrieb auszubreiten; aber ich werde kein Wort darüber verlieren. Nicht aus Taktgefühl oder Höflichkeit; sondern weil der Leser, der mir bis an diese Stelle gefolgt ist, ein Recht hat auf Ruhe. Ich schweige. Ich tue es aber nicht, ohne eine kleine korrigierende Bemerkung niederzuschreiben, die den vorangegangenen Beitrag betrifft. Es geht um einen einzigen Satz: Spiel, Heckmeck, Hokuspukus, Burleske, Wortakrobatik, Spaß undsoweiter. Was damals einigermaßen frivol und respektlos klang, hat keine Wirkung mehr. Der Satz ist verbraucht. Es war eine taktische Zeile, eine Art Affront gegen die Gesinnungslieferanten und Wahrheitsverwalter von 1966. Diese Leute gibt es natürlich noch immer, das ist mir bekannt; sie sind mir inzwischen nur nahezu gleichgültig geworden. – Was ich damals wollte und heute immer noch will, ist eine Literatur, deren Grundstimmung ein Komplott ist aus Leichtigkeit, Schwermut, Spiel, Ernst, Skurrilität, Lust, Spaß und Entsetzen. Das ist alles, was ich am Ende zu sagen habe.