Von Ralf Neubauer

Wer Peter Daetz (62) auf die Palme treiben will, braucht ihm nur einen ungeliebten Titel verleihen. Nein, Geschäftsführer einer Beschäftigungsgesellschaft will er auf keinen Fall sein. "Das Wort suggeriert doch, daß da jemand auf Kosten des Steuerzahlers mit sinnlosen Arbeiten beschäftigt wird", meint der gebürtige Hamburger und liegt mit dieser Befürchtung nicht ganz falsch. Genauso sehen es nämlich die Kritiker der Gesellschaften, die sich in den neuen Bundesländern flächendeckend gegründet haben, um die Massenarbeitslosigkeit sozial verträglich abzufedern.

In Flöha bei Chemnitz, wo Peter Daetz seit Anfang April das Wirtschaftsentwicklungs- und Fortbildungszentrum Mittelsachsens (WFZ) leitet, ist die Lage noch katastrophaler als in den meisten anderen Regionen der Ex-DDR. Stadt wie Kreis Flöha waren früher Hochburgen der ostdeutschen Textilindustrie, und die wird bald beinahe vollständig verschwinden. Von republikweit einstmals 400 000 Textilarbeitsplätzen bleiben voraussichtlich kaum mehr als 30 000 übrig. Im gleichen Verhältnis vollzieht sich der Personalabbau im Kreis Flöha. Gerade mal 300 von früher 4000 Stellen will die Treuhandanstalt retten. In den ebenfalls von der Textilindustrie geprägten Nachbarkreisen Zschopau und Hainichen fällt die Bilanz ähnlich erschreckend aus. Fazit von Peter Daetz: "Wir sind ein absolutes Notstandsgebiet."

An der Arbeitsmarktstatistik der drei Kreise läßt sich das nicht unbedingt ablesen. Denn die Arbeitslosenquoten von achtzehn bis zwanzig Prozent liegen zwar etwas, aber nicht dramatisch über dem Durchschnitt der neuen Bundesländer. Nicht zuletzt das WFZ, das Peter Daetz keinesfalls als Beschäftigungsgesellschaft verstanden wissen will, begrenzt den Schaden. Es hat mehr als 6000 Menschen vor dem ansonsten sicheren Sturz in die Arbeitslosigkeit bewahrt. Etwa 3500 Männer und Frauen legen im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) Wanderwege an, sanieren Bäche und Flüsse und beseitigen ökologische Altlasten auf verseuchten Betriebsgeländen. Für 1500 ehemalige Textilwerker haben Daetz und seine 130 Mitarbeiter Fortbildungs- und Umschulungslehrgänge initiiert.

Und 500 Menschen stehen als sogenannte "Kurzarbeiter null" auf der Lohnliste des WFZs: "Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen", verteidigt Peter Daetz selbst diese Form der Nichtbeschäftigung, die niemandem hilft, sondern nur die Arbeitslosenstatistik schönt. Der WFZ-Geschäftsführer schätzt, daß ohne den Einsatz dieser Instrumente einschließlich Vorruhestand die Arbeitslosenquote heute bei gut fünfzig Prozent läge. Auch in dieser Hinsicht unterscheiden sich die Kreise Flöha, Zschopau und Hainichen wenig vom Rest der ehemaligen DDR.

In den durchweg strukturschwachen neuen Bundesländern sieht Daetz seine Region dennoch "zusätzlich benachteiligt": "Woanders bleiben wenigstens noch gewisse industrielle Kerne übrig, aus denen neues Leben sprießen kann. Bei uns bleibt dagegen nichts. Die 300 Mann in der Garnproduktion kann man doch vergessen." Tatsächlich ist die Situation in den drei mittelsächsischen Kreisen außerordentlich prekär. Denn auch die wenigen Maschinenbaubetriebe der Region sind ohne Zukunft. Sie haben bisher die örtliche Textilindustrie mit Anlagen beliefert und gucken jetzt ebenfalls in die Röhre. Das Fatale: Auch ein westlicher Investor hat sich bislang nicht nach Flöha, Hainichen oder Zschopau verirrt. Peter Daetz verwundert das nicht: "Hier gibt es zwar jede Menge hochmotivierte und disziplinierte Arbeitskräfte. Die sind aber Textilfacharbeiter und -ingenieure, und deren Qualifikation ist nicht mehr gefragt." Die Region mit ihren insgesamt circa 170 000 Einwohnern droht so auf Dauer zur industriellen Wüste zu werden. –

Damit will sich Peter Daetz, der bis Mitte 1991 als Vertriebsmanager bei Siemens tätig war, aber nicht abfinden: "Wir müssen jetzt völlig neue Arbeitsplätze schaffen, die nichts mit der Textilindustrie zu tun haben. ABM und Qualifizierung sind ohnehin nur befristete Übergangslösungen." Das sind große Worte, denen Daetz alsbald große Taten folgen lassen will. So sollen künftig die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen an Gewicht verlieren. Existenzgründungen sollen an ihre Stelle treten. "Wir können nicht auf Investoren warten, sondern müssen selbst etwas auf die Beine stellen", lautet seine einleuchtende Argumentation. Aus ABMlern sollen Unternehmer werden, und die Beschäftigungsgesellschaft will den Sprung in die Selbständigkeit nach Kräften unterstützen. Die Vorbereitungen laufen bereits auf vollen Touren.