Die russische Avantgarde der zwanziger Jahre, das zeigt jetzt eine Ausstellung (die nach Stationen in Schleswig, Wiesbaden und Saarbrücken nun in Tübingen zu sehen ist) ergänzend zur Retrospektive in der Frankfurter Schirn, war auch für das moderne Theater eine Art Geburtshelfer. Viele russische Maler haben damals, vom Sturm der Revolution beflügelt, auch für die Bühne gearbeitet – ihre meist konstruktivistischen Raum- und Kostümentwürfe sind Erkundungsgänge zu einer Kunst der Chiffrierung und Verknappung, ohne die heutige Bühnenbilder (etwa die von Axel Manthey oder Robert Wilson) gar nicht denkbar sind.

Man muß sich ins Gedächtnis rufen, daß ein Großteil der russischen Theaterleute sich gerade erst von Stanislawskijs Naturalismus verabschiedet hatte. Der neue Bühnenmensch ist nun zunächst Schaustück, ohne Psyche. So ist es kein Zufall, daß die fortgeschrittensten abstrakten Maler ausgerechnet für das Puppentheater arbeiteten: El Lissitzky zerlegt Radioansager, Sportsmänner und Globetrotter für „Sieg über die Sonne“ in ihre konstruktivistischen Einzelteile, und Malewitsch schematisiert für das gleiche Stück Kraftmenschen und Tölpel.

Die von Lichtbündeln ausgehenden, „rayonistischen“ Entwürfe des Ausstatters Michail Larionow, der mit Vorliebe Tiere und Fabelwesen kostümierte, schienen fürs Ballett besonders geeignet, die Beelzebubs und Methusalems, die Ingenieure und Bergleute des Meyerhold-Zuarbeiters Wictor Kiselew ganz von außen, von der Form bestimmt (auf unserem Bild das „Kostüm des Abtes“ von Konstantin Wjalow für „Die Camorra von Sevilla“, 1924). Extrempunkt ist Irakli Gamrekelis Raumentwurf für Majakowskis „Mysterium Buffo“: die Welt als physikalisches Laboratorium.

Hinter Malewitschs fanalhaftem „Schwarzen Quadrat“, mit dem er die „Suprematie“, die Oberherrschaft der Gefühle im Reich purer Form, ausgerufen hatte, wird im Rückblick eine Vielzahl von Kunstrichtungen sichtbar, die die sowjetische Welt auch ästhetisch umgestalten, in die Moderne führen wollten – egal ob sie sich nun „Kubo-Futuristen“ oder „Simultanisten“ nannten. Stalins platte Idee vom „Sozialistischen Realismus“ hat dann alles zerstört, eingeebnet. Und nun bestaunen wir die Relikte des Traums: Harlekine und Clowns, Teufel und Landpfarrer, gliedersteif in Strickleitern hängende „Komsomolzenmädchen“ und Lebedamen. Höhepunkt sind die in tiefes Rot oder Blau getauchten Bühnenkonstruktionen der Alexandra Exter, die stets durch Lichtkegel gebrochen werden: in ihrer „Othello“-Bühne steht ein Gerüst kahl im Blau, winzige Menschen begeben sich in einen Kampf, und wer will, kann dahinter schon die Räume des Robert Wilson aus den achtziger Jahren ahnen (Kunsthalle Tübingen, bis zum 3. Mai; Katalog 39,– Mark). Christian Gampert