Von Volker Hage

Ist das ein Anfang? „Nun, nachdem ich alles beschrieben habe, diese zurückliegende Zeit, diesen Weg, mit den Bewegungen und Erscheinungen, den Bildern und Geräuschen, diese Landschaften, mit den Knollen, Kuppeln und Buckeln, den Rinnen, Wannen und Gruben, nähere ich mich dem Ende des Berichts.“ Ein grandioser Anfang: der Beginn des ersten Buches von Ror Wolf, eines Debüts, das im Titel frech eine „Fortsetzung des Berichts“ verspricht und schon von Anfang an mit dem Ende spielt. Das Buch erschien 1964.

Wann beginnt etwas, wann endet etwas? Geschichten gehen, anders als das menschliche Leben, nie zu Ende, es sei denn, der Mensch überhaupt verschwindet von diesem Erdball, die bewohnte Welt geht ganz und gar zu Ende, sonst aber überdauern sie jeden Schluß, da sie sich immer wieder fortsetzen und forterzählen, kein Ende finden. Eine folgt aus der anderen, eine folgt auf die andere, stets gibt es noch eine davor und noch eine, stets gibt es Fortsetzungen und Ergänzungen, neue Versionen und Varianten, immer andere Neuigkeiten und Berichte, Fortsetzungen der Berichte und neue Nachrichten aus der bewohnten Welt – wie gesagt: solange die noch bewohnbar ist, und auch danach gäbe es vielleicht noch Geschichten, nur wäre, soweit wir wissen, niemand mehr da, sie zu erzählen.

Die Prosa von Ror Wolf kennt keinen Anfang und kein Ende, auch wenn natürlich, da Literatur immer noch – zum Glück – in Form von Büchern und nicht in Form von Endlosschleifen auf einem Bildschirm zu uns kommt, seine Texte irgendwo beginnen und irgendwo enden. Es gibt auch bei ihm einen ersten und einen letzten Satz. Aber kaum etwas wird bei diesem Schriftsteller so durch den Kakao gezogen wie der Glaube, man könnte die Welt und die Geschichten (und was ist die Welt anderes als eine wirre Folge von Geschichten) fein säuberlich in Einheiten zerlegen, in Päckchen abpacken, sie überhaupt entwirren.

Am Anfang stand also eine „Fortsetzung“ – ein furioser Erstling. Und wie dann weiter? Mit einem neuen Anfang, der wieder keinen richtigen Anfang hatte und zu keinem oder einem völlig abrupten Ende kam: Drei Jahre später, 1967, erschien eine „Abenteuerserie“, so die Gattungsbezeichnung, die Titelhelden: „Pilzer und Pelzer“.

Wieder eine souveräne, frech-frappierende Eröffnung: „Gut, also von vorn, an diesem Punkt einsetzen, wo ich abgebrochen habe, der Himmel, wie war das, jawohl, der Himmel sehr blau...“ Und eine faszinierende Schlußkadenz: „Nein, ich habe nichts mehr zu sagen. Ich bin vollkommen ruhig. Meine einzige Sorge besteht darin, daß jetzt, im letzten Moment, noch ein unvorhergesehener Zwischenfall den Schluß dieser Angelegenheit, das Ende, auf weitere Zeit hinausschieben könnte.“

So gehen die Geschichten von Pilzer und Pelzer zumindest in der ersten Ausgabe zu Ende, spätere Ausgaben hat der Autor ergänzt und verändert. Denn es ist ein Spiel, aber kein Spaß – Ror Wolf findet kein Ende (auch wenn er immer wieder die schönsten Schlüsse erfindet), seine Bücher sind nicht fertig, er reißt wieder auf, baut an, baut um. Wo alles fließt, ist nichts abzuschließen, nur abzutrennen, abzuhacken, zu unterbrechen. Das Buch als Prokrustesbett, als Folterbank für Text und Autor. Aber eben: Anders ist die Prosa nicht zu haben für das Publikum – als in abgeschlossener Form. Jedenfalls vorerst, bis zur nächsten Auflage, zur Neuausgabe, zur Taschenbuchedition.