Von Mirjam Zimmer

Gleich hinter den Gärten und Feldern begann der große Wald. Er drängte bedrohlich an die gerodeten Flecken heran, und nur widerstrebend wich er vor den Äxten der Siedler zurück. In seinem Schatten wohnten die Wilden. Sie bestellten keine Acker, bauten keine festen Häuser, waren heimtückisch und grausam im Krieg, unbekümmert und faul im Frieden, und beteten auf gottloseste Weise die Erscheinungen der Natur an.

Als einer der ersten beschrieb Roy Harvey Pearce die Geschichte des Bildes, das die ersten Wahlamerikaner in den späteren USA sich von den Menschen machten, die das Land lange vor ihnen bewohnt hatten. Von den Anfängen der Besiedlung bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verfolgt er die spezifisch amerikanische Spielart einer Idee, die sich in der Alten Welt bereits einiger Beliebtheit erfreute, in Amerika aber plötzlich mit der Wirklichkeit konfrontiert wurde wie kaum irgendwo sonst: der Idee vom Wilden.

Zunächst war wenig mehr über diese Wirklichkeit bekannt als die Schauermärchen, die von den westlichen Vorposten der Zivilisation in die Bücher ihrer Vordenker im Osten gelangten. Um die Wissenslücken zu füllen, betraute die Regierung Expeditionen mit der Aufgabe, das unerforschte Land zu erkunden. Ihr Zweck war nicht, sich ein Bild von den Menschen zu machen, die es bewohnten: Dieses Bild existierte bereits. Was man sich von ihnen versprach, war das Anschauungsmaterial, das die Vorstellung illustrieren konnte. Es fand seinen Niederschlagin Abhandlungen, in denen sich das Selbstbewußtsein der entstehenden Nation artikulierte: Nur in Amerika konnte sich die Zivilisation, befreit von den Zwängen des alten Europa, zu voller Blüte entfalten! Dazu mußte sie auf ihrem Vormarsch notgedrungen den Wilden vernichten, denn er verkörperte ein historisches Stadium, das der Zivilisation zeitlich vorausging: Ihrer beider Vorhandensein zur selben Zeit am selben Ort schloß sich theoretisch aus. Den Indianer aber zu retten, während man dem Wilden den Garaus machte, meinte man nach eingehendem Studium, war unmöglich.

Das ideologische Rüstzeug, mit dem man in den Kampf zog, stammte aus Europa. Um die Gründungszeit der Vereinigten Staaten hatte ein Kreis schottischer Philosophen dem Indianer einen Platz auf den unteren Stufen einer Treppe zugewiesen, über die die Menschheit ihrer Vollendung entgegenschritt. Ihre Vorstellungen mündeten seit Mitte des 19. Jahrhunderts in die zahlreichen evolutionistischen Theorien, die von den neuen Erkenntnissen in Geologie, Archäologie und Biologie inspiriert waren: Die ethnozentristische Vorstellung, die Menschheit strebe in einem Reifungsprozeß ihrer edelsten Form, der Zivilisation westeuropäischen Musters, zu, erhielt ein wissenschaftliches Gewand. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Primitivismus seinen Höhepunkt bereits überschritten. Er hatte sich einen edlen Wilden geschaffen, dessen Lebensweise den Idealzustand menschlicher Gesellschaft darstellte, das genaue Gegenteil der Verderbtheit, die seiner Ansicht nach die Zivilisation kennzeichnete. Eine Überzeugung allerdings war Primitivisten und Evolutionisten gemein: daß der Sieg der Zivilisation unabwendbar sei. Ob sie Kritik oder Überhöhung der eigenen Gesellschaft bezweckten – über den Indianer sagten ihre Vorstellungen letztlich kaum etwas aus.

Pearces Studie erschien zuerst 1953, drei Jahrzehnte bevor die Geschichtswissenschaft ihr Augenmerk verstärkt auf die psychologischen Aspekte des Zusammenstoßes fremder Kulturen richtete und Amerika zu ihrem Lieblingspatienten erkor. Pearce ist Literaturwissenschaftler, kein Ethnologe oder Historiker; auf das Parkett eines Vergleichs des Bildes vom Indianer mit dessen historischer Lebenswirklichkeit wagt er sich nicht. Dennoch war seine Untersuchung richtungweisend für eine lange Reihe von Veröffentlichungen über die Vorstellungen vom Indianer. Als einer der ersten brach Pearce mit der „Frontier Thesis“, die Frederick Jackson Turner genau sechzig Jahre zuvor formuliert und die seither die Betrachtung der amerikanischen Geschichte bestimmt hatte. Sie beruhte auf der Behauptung, daß die amerikanische Demokratie und ihre Institutionen in erster Linie durch die Erfahrung der Grenzsituation geprägt waren, und übernahm von den Evolutionisten die Vorstellung vom Indianer als einem Hindernis, das dem Fortschreiten der Zivilisation im Wege stand und demzufolge beseitigt werden mußte. Roy Harvey Pearce kommt das Verdienst zu, diesen Indianer als das zu entlarven, was er war: ein ideelles Konstrukt, dessen sich der weiße Amerikaner bediente, um sein eigenes Selbstvertrauen zu stärken.

  • Roy Harvey Pearce: Rot und Weiß

Die Erfindung des Indianers durch die Zivilisation; aus dem Amerikanischen von Wolfgang Bick; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1991; 354 S., 65,– DM