Von H.-G. Heinrich und E. Andrushchenko

MOSKAU. – Das Zeichnen von Schreckensbildern ist eine traditionelle und erprobte Technik, um religiöse und ideologische Vorstellungen durchzusetzen, den Zusammenhalt von Gruppen zu sichern oder um schlicht Aufmerksamkeit zu erregen. Die Apokalypse war so ein Versuch, die „gelbe Gefahr“ ein anderer.

Ein heute beliebtes, wiederkehrendes Schreckbild ist die massenweise Invasion von Migranten aus dem Osten oder dem Süden, das sich mit anderen Bildern, wie etwa Aids oder globalen ökologischen Katastrophen abwechselt. Alle diese Ängste sind nicht schlechthin unbegründet. Es läßt sich aber für sie keine zwingende wissenschaftliche Begründung finden. Denn unsere Wirklichkeiten sind eben nicht vollkommen vorherbestimmt und festgelegt.

Schreckbilder können aber auch eine heilsame Wirkung entfalten: wenn sie zum Handeln gegen die Gefahr anregen. Die drohende Migration aus der ehemaligen Sowjetunion hat bereits Reaktionen hervorgerufen; nur sind es leider größtenteils die falschen. Anstatt das Problem dort anzugehen, wo es entsteht, verläßt man sich überwiegend auf eine Defensivstrategie.

Der Versuch, Massenmigration durch Grenzschutztruppen, Polizei und administrative Zuzugsbeschränkungen zu verhindern, kann nur teilweise greifen. Er versagt im Fall eines Massenflucht-Szenarios, wenn also Menschen vor politischer Verfolgung, vor dem Hungertod, einem Bürgerkrieg oder vor ökologischen Katastrophen in den Westen fliehen. Auch Hunderttausende Rußlanddeutsche lassen sich auf diese Weise nicht davon abhalten, im Laufe der Zeit ihren bereits emigrierten Verwandten und Freunden in die Bundesrepublik zu folgen. Zum anderen kommt es bei der zu erwartenden Auswanderung aus den GUS-Staaten weniger auf die Quantitäten als auf die Qualität an. Die Frage lautet also: Wer kommt auf welchem Wege?

In unseren westlichen Gesellschaften hat man vor dem falschen Phänomen Angst: Man diskutiert darüber, ob bei einer Ausländerquote von vier Prozent oder von zehn Prozent „das Boot voll ist“.

Man kann mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, daß die meisten Menschen, die aus den GUS-Staaten kommen, keine größeren Schwierigkeiten bereiten als andere Ausländer oder Inländer auch. Bei einem kleinen Prozentsatz der illegal oder legal Einreisenden handelt es sich aber um Gruppen, die aus verschiedenen Gründen ein besonders hohes „Störpotential“ haben.