Schon 1960 erkannte John F. Kennedy: „Wenn die freie Gesellschaft nicht der großen Mehrheit der Armen helfen kann, kann sie niemals die kleine Anzahl der Reichen retten.“ Als er ins Weiße Haus einzog, versprach er denn auch, den Kampf gegen die Armut in der Welt aufzunehmen.

Weder die Vereinigten Staaten noch andere Industrienationen haben dieses Versprechen eingelöst. Im Gegenteil: Der Abstand zwischen den Habenichtsen und den Wohlhabenden auf diesem Planeten ist von Jahr zu Jahr größer statt kleiner geworden. Seit 1960 hat sich nach einer jetzt veröffentlichten Studie des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), dem „Human Development Report“, die Schere zwischen Arm und Reich „alarmierend“ geöffnet. Vor dreißig Jahren entfielen siebzig Prozent des gesamten Welteinkommens auf zwanzig Länder. Ende der achtziger Jahre teilten die wenigen Reichen dieser Welt bereits über achtzig Prozent des Einkommens unter sich auf. 1,2 Milliarden oder rund ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt unterhalb der Armutsschwelle.

Kein Wunder, daß immer mehr Menschen der Dritten Welt auf der Flucht vor dem nackten Elend sind. Ihr Wunschziel ist klar, auch wenn die wenigsten es je erreichen: die Länder des Nordens, wo selbst viele Einkommensschwache noch immer wie Könige leben, verglichen mit der hoffnungslosen Armseligkeit breiter Bevölkerungsschichten im Süden.

Auf den befürchteten Ansturm der Besitzlosen reagieren die Industriestaaten hilflos. Sie verbarrikadieren sich in ihren Wohlstandsfestungen; weitgehend überlassen sie die Armen ihrem traurigen Los. Eine Mitverantwortung des Nordens für das wachsende Massenelend des „unterentwickelten“ Südens leugnen die meisten Regierungen der reichen Länder noch immer hartnäckig. Genauso beharrlich verweigern sie eine ernsthafte Debatte über ein neues Entwicklungskonzept, das die bisherigen Almosenempfänger zu echten Partnern in einer immer stärker verflochtenen Weltwirtschaft machen würde. Eine solche Partnerschaft aber wäre bitter nötig, um die Dritte Welt vor weiterem Abgleiten ins wirtschaftliche Abseits zu bewahren. Bisher nämlich bestimmen fast ausschließlich die reichen Ländern die Regeln der Weltwirtschaft – auf Kosten der sozial Schwachen, wie der „Human Development Report“ unverblümt kritisiert.

Danach verlieren die Entwicklungsländer jährlich nicht nur rund vierzig Milliarden Dollar durch Handelsbarrieren, mit denen die Industriestaaten ihre Märkte vor billigeren Konkurrenzprodukten – vor allem Textilien und Agrarprodukten – schützen. Zum Vergleich: Die gesamte Entwicklungshilfe beträgt lediglich fünfzig Milliarden Dollar. Für Zinsen und Tilgung der vom Internationalen Weltwährungsfonds und der Weltbank gewährten Kredite zahlen sie zudem inzwischen mehr, als sie an Geldern erhielten.

Diese Entwicklung ist symptomatisch für die gesamten wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Industriestaaten und Dritter Welt während der achtziger Jahre. In diesem häufig als verlorenes Jahrzehnt – vor allem für Lateinamerika und Schwarzafrika – bezeichneten Zeitabschnitt veränderte sich der Kapitalfluß von Nord nach Süd von plus 43 Milliarden Dollar auf minus 33 Milliarden Dollar. Mit anderen Worten: Die Armen finanzieren die Reichen. Bleibt es dabei, wird sich die schon heute schreiend ungerechte Einkommensverteilung weiter zugunsten der wenigen Besitzenden ändern. Dann aber werden wohl schon in absehbarer Zeit Gesetze allein nicht mehr ausreichen, um die Hungernden von den Wohlstandsinseln auf Dauer fernzuhalten.

Um die Gefahr blutiger Verteilungskämpfe zwischen Nord und Süd zu bannen, muß deshalb global durchgesetzt werden, was national und teilweise auch schon supranational (Beispiel EG) akzeptiert ist: eine Politik, die tendenziell die großen Einkommensunterschiede zwischen Arm und Reich abbaut. Dafür jedoch ist das bislang produzierte Modell der Entwicklungshilfe denkbar ungeeignet – vor allem aus drei Gründen.