Wer siegt im befreiten Mittelasien, Fundamentalisten oder Nationalisten?

Ein politischer Reisebericht von Ahmad Taheri

Das Teehaus im Zentrum von Duschanbe, der Hauptstadt der Republik Tadschikistan, ist überfüllt von Straßenhändlern, die hier in den frühen Abendstunden vor dem Fernseher hocken und ihre schurba, die Fleischsuppe, essen. Es läuft gerade eine Sendung über die Rückführung der tadschikischen Soldaten aus den nördlichen Regionen des einstigen Sowjetreiches in die Heimat. Ein stiernackiger Armeegeneral, Mitte Fünfzig, den Mund voller Goldzähne und die Brust voller Auszeichnungen, gibt Erklärungen über das Schicksal der Landeskinder ab. Der Militärmann hat es schwer mit Tadschiki, der Muttersprache. Er stottert, stammelt und schwitzt. Sein Wortschatz ist nicht größer als der eines Kleinkindes, die Beherrschung der Syntax dürftig. „Herr General“, sagt der junge Moderator, „sprechen Sie Russisch, wenn es Ihnen leichter fällt.“ Im Russischen entpuppt sich der Offizier als begnadeter Redner. „Schande, Schande“, schimpft ein weißbärtiger Zuschauer, „der Kommunistenhund kann nicht die Sprache der Vater. Das ganze Pack muß man in die Schule schicken, um ihnen Tadschiki einzuprügeln.“ Er schlägt mit der flachen Hand heftig auf seine Schenkel. Alles lacht im Teehaus, auch drei Milizionäre, die mit aufgeknöpften Uniformen wie entlaufene Söldner aussehen. Das Volk der Tadschiken hat längst keine Furcht mehr vor der kommunistischen Obrigkeit.

In Duschanbe herrscht nicht nur ein wärmeres Wetter an diesem Frühlingstag als in Taschkent oder Alma-Ata, im tadschikischen Bergland grünt auch schneller als woanders in den mittelasiatischen Steppen der Frühling der Freiheit – oder der Anarchie. „Alle sind Oppositionelle in diesem Land“, sagt Golrochsar, die tadschikische Dichterfürstin, „die Poeten, die Bauern, die Friseure, selbst die Kleinkinder und ihre Urgroßmütter.“ Golrochsar, auf deutsch „die Rosenwangige“, ist selbst eine Gegnerin des herrschenden Regimes, wenn auch auf dem Felde der Kultur. Die einstige Kommunistin und Gorbatschow-Anhängerin kämpft als literarische Jeanne d’Arc für die Rückeroberung der verlorenen tadschikischen Sprache und Dichtung.

Die Tadschiken, ein ostiranisches Volk, dessen Sprache von Teheran aus gesehen ein archaisches Persisch ist, halten sich für das einzige Kulturvolk Mittelasiens und sind stolz auf ihr vermeintlich höheres politisches und religiöses Bewußtsein. „Wissen Sie, warum der amerikanische Außenminister neulich auf seiner Mittelasien-Reise ausgerechnet uns als erstes besuchte?“ fragt Schadman Jusef, der namhafte Oppositionsführer in Duschanbe. Die CIA wisse genau, meint Jusef, daß in Zukunft alle Bewegungen, alle Ideen, alle Konflikte Mittelasiens von Tadschikistan ausgehen würden.

Und das Potential dafür ist groß. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums brodelt es politisch und ideologisch in den Republiken Zentralasiens. Aufkommender Kapitalismus stößt sich an den verbliebenen Strukturen des kommunistischen Systems. Wiedergeborener Nationalismus will Rache für Moskaus zentralistische Unterjochung, die mit Stalin begann. Vor allem aber – und dies fürchtet der Westen am meisten – droht der islamische Fundamentalismus von Süden her in das Machtvakuum vorzustoßen, um einer neuen weltpolitischen Konfliktlinie zwischen Nord und Süd Kontur zu geben. Um zu erfahren, wie groß diese Gefahr wirklich ist, lohnt eine Reise durch Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan.

Das tadschikische Bergland mit knapp fünf Millionen Bewohnern, im toten Winkel des Moskauer Imperiums gelegen, war stets die ärmste aller Sowjetrepubliken. Interesse hatte der Kreml vor allem am tadschikischen Uran. Die erste sowjetische Atombombe hieß Tabaschir. Sie wurde aus dem wertvollen Material gebaut, das in der gleichnamigen Landschaft im Norden Tadschikistans vorkommt.