Von Norbert Kostede

Kuala Lumpur, im April

Vor neunzig Jahren, am 13. August 1902, erschoß ein gewisser Mr. Phillips im "Singapur-Raffels", dem vornehmsten Hotel Südostasiens, einen malaiischen Tiger. Wahrscheinlich war der Tiger nur tödlich verwirrt, denn der Engländer stand im Pyjama. Aber in den Klatschspalten der Weltpresse hieß es damals: "Phillips feuerte der tropischen Bestie zwischen die glühenden Augen." Schließlich galt es, das koloniale Selbstbewußtsein zu pflegen – der Norden beherrscht den Süden.

Und wer herrscht heute? Ist es immer noch der Norden, der für die Ausbeutung von Mensch und Natur im Süden verantwortlich ist?

Die englischen Kolonialherren sind in diesen Breiten vor 35 Jahren abgezogen. Nun faucht der Tiger erneut durch die Medien: "Malaysia attackiert den Öko-Kolonialismus der Industrieländer." Premierminister Mahathir Mohamed hat es tatsächlich geschafft: Regierungsvertreter aus über dreißig Staaten der Dritten Welt versammeln sich Anfang nächster Woche in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur, um ihre Forderungen für die UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung (UNCED) abzustimmen. Der deutsche Umweltminister Klaus Töpfer will als Beobachter an dem Treffen teilnehmen.

Der kleine Achtzehn-Millionen-Staat Malaysia verfügt über die viertgrößten Tropenwälder der Erde und wehrt sich mit aller Kraft, beim "Erdgipfel" in Rio auf die Anklagebank gezerrt zu werden. Seit Jahren schon fordern Tausende von Schulklassen und Umweltinitiativen in aller Welt einen Handelsboykott für Tropenholz, um das globale Klima und die Artenvielfalt zu schützen. Selbst Industriemanager und Regierungschefs aus dem Norden skandieren "Raubbau am Regenwald" – ohne rot zu werden; denn jedes Kind weiß mittlerweile, daß der Treibhauseffekt zu mehr als achtzig Prozent von den Abgasen der reichen Industrieländer verursacht wird. Die Vordenker des Club of Rome fordern gar einen Umweltsicherheitsrat der Vereinten Nationen. Er soll ökologisches Wohlverhalten notfalls mit "Grünhelmen" erzwingen können.

Premierminister Mahathir droht, den Rio-Gipfel zu boykottieren; genau wie George Bush, dem im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf bei Umweltthemen die Knie weich werden. Eine merkwürdige Negativ-Koalition bildet sich da: hier ein kleines Land der Dritten Welt, das Eingriffe in die "souveräne" Nutzung seiner natürlichen Ressourcen zurückweist; dort ein Industriegigant, der eine Begrenzung seines Kohlendioxydausstoßes ablehnt und notwendige Finanzhilfen für eine ökologische Entwicklungspolitik im Süden verweigert.