Warum gerade zur Gréco, dem singenden Monument der Kellerkneipen der fünfziger Jahre, dem Relikt des Existentialismus, das vielen die Lektüre Sartres ersparte? Bleich geschminkt und mit schwarzumrandeten Augen effektvoll ins Leere starrend, Symbol der freien Liebe, Standbild selbstauferlegter Tragik, lasziv die eigene Verkörperung streichelnd. Eine Ikone, die in den sechziger Jahren ihre Spuren in den Schwarzweißaufnahmen unzähliger Grecos in Twen und Stern hinterließ, die zum bedeutungsschwangeren Schweigen vor Vat-69-Flaschen verführte, an denen das vielfarbige Wachs in dicken Schichten festgeklebt war. Warum eine 65jährige Legende besichtigen?

Die Geschichte des Publikums in der ausverkauften Hamburger Musikhalle scheint vielsagender als die hinlänglich bekannten Geschichtchen der Greco. Ältere Männer, deren Rosen die Bühne verfehlen, während die Frauen als Schmuckstücke auf den Stühlen kleben. Töchter und Söhne, für 68 Mark überredet, die Jugend ihrer Eltern nachzuleben. Frauen, des Französischen mächtig, die ihren Begleitern flüsternd Ubersetzungen zumurmeln. Eine Feier zu Ehren der unausgelebten Wünsche einer sentimentalen Generation.

Juliette Greco erscheint. Das lange, schwarze Kleid (oder war es dunkelblau?), die halblange Mähne, das Gesicht, die Hände als Markenzeichen einer Institution. Tausendmal hat sie diese Gesten wiederholt: die wie Vögel, wie Schmetterlinge flatternden Hände, den Griff ins Haar, das Beschirmen des unglaublich alterslosen Gesichts, die Finger, die beim "Akkordeon" am Körper anzüglich auf und ab tanzen. Es ist alles, wie man es einmal gesehen hat, ohne es wieder sehen zu müssen. Ein Chanson über die Liebe, ein Chanson über die Trennung, das nächste über die Liebe, dann die Hoffnung, dann die Liebe, das nächste muß ein bißchen warten, weil der Saal noch länger klatscht. Ein Kuß danach, über die Handfläche, dem "Ich bin zu Tränen gerührt"-dankbaren Publikum entgegengeblasen.

Und dann schreit einer. Preußisch, schneidig, in seiner Sensibilität verletzt: "Sorgen Sie dafür, daß die Photographen umgehend den Saal verlassen!" Die Greco versteht nicht, schaut fragend in die Richtung des Rufers. "Les photographes!" tönt es helfend aus dem Publikum. "Oh, là, la – les photographes." Und sie stimmt ihm zu – "mein Herr" – auch sie sei genervt, fühle sich wie beim Liebesakt photographiert. Zart spürbar nur die Ironie, und als der Zwischenfall schon vergessen ist, sie zu einem neuen Chanson anzusetzen scheint, flüstert sie unvermittelt, verängstigt und verschwörerisch dem Herrn zu: "Sind sie jetzt weg?"

Der Zwischenfall wird zur Befreiung. Mit der kunstsinnig verquälten Penetranz ihrer Verehrer konfrontiert, bricht sie aus, hofft nicht mehr zu gefallen, sondern überzeugt, weil sie es nicht nötig hat. Noch immer liegt über jeder dieser kleinen und großen Tragödien ein Hauch von Antiquiertheit. Die Pantomime des Stummfilms, die Musik der vierziger Jahre, das Pathos der tiefen Gefühle – und doch ist man gefangen von ihren Händen, ihrer Stimme, ihrer Inszenierung. Gesten, die im Grunde immer zu groß sind und doch das widerspiegeln, was sich sonst niemand auszudrücken erlaubt.

"Ein Chanson von Jacques Prévert, Musik von Joseph Kosma." Es ist diese wunderbare altmodische Ehrerbietung, sich als Interpret zu verstehen, als jemand, der ein Lied "spielt" und singt, ohne es als sein eigenes zu sehen. Für vier Minuten lebt es, für diese Minuten gehört es Juliette Greco und dann wieder denen, die es geschrieben haben, allen. Und manche Lieder behält sie auch, wie Jacques Brels Dialog mit dem Tod "J’arrive". Die Haare zurückgestrichen, das Gesicht dem weißen Scheinwerferlicht entgegengehoben, eine Mischung aus Bette Davis und Joan Crawford, mit dem Mut zur Häßlichkeit, zur Verzweiflung, zur angstverzerrten Grimasse. Großes, wahres Theater, das nächste Chanson.

Juliette Greco wechselt die Stimmungen. Doch wo vorher bloße Aneinanderreihung war, summieren sich jetzt die Lieder zu einer Person. Die Stimme – noch voller, noch schwärzer im Klang als früher – wechselt zwischen Flüstern, Schmeicheln und resigniertem Sprechen, schreit und streichelt – und dann versagt sie. Was dann kommt, steht dem ersten Zwischenfall in nichts nach. Eine Inszenierung mit Stil. Ein Becher mit Wasser wird verlangt, zwischen den Vorhängen durchgehalten, über die Hände der Musiker weitergereicht, bis er schließlich die Greco erreicht. Sie trinkt, will ihn auf den Flügel stellen, zögert dann doch und stellt den Plastikbecher auf dem Boden ab. Entschuldigungen, Charmantes über ihr Alter, und dann hebt sie an und singt das Chanson von Anfang an. Diesmal gelingt es. Wird noch schöner durch das Scheitern. Und man ist erleichtert, gerührt, von der eigenen Rührung bewegt. Theater und Leben sind wieder eins.