Rebekka Habermas über die dunkle Seite der Aufklärung

Von Thomas Schmid

Es gibt Vorurteile, die sich äußerst hartnäckig halten, auch in aufgeklärten Kreisen, für die der Kampf gegen das Vorurteil geradezu programmatische Bedeutung hat. Dort gilt es zum Beispiel als gesicherte Erkenntnis, daß es einen ziemlich engen Konnex zwischen Aufklärung und Demokratie gebe. Einen guten Anlaß, diese zählebige Fehldeutung erneut zu überdenken, bietet Rebekka Habermas’ sorgfältige Studie "Wallfahrt und Aufruhr. Zur Geschichte des Wunderglaubens in der frühen Neuzeit".

Der Titel, der die Unbotmäßigkeit herausstellt, führt ein wenig in die Irre, denn er läßt eine Untersuchung erwarten, die in der Tradition jener eher schlichten Geschichtsschreibung "von unten" steht, die seit den siebziger Jahren in Mode kam und die – in bloßer Umkehrung der bisherigen Blickrichtung – die Historie auf Anzeichen von Rebellion durchkämmte. Eben das tut die Autorin jedoch nicht; sie stellt vielmehr die Welt des Wunders in den Mittelpunkt und versucht, deren Funktionsweise und Bedeutung zu entschlüsseln.

Rebekka Habermas untersucht den Wunderglauben vor allem am Beispiel des Hohenpeißenberg, eines kleinen Wallfahrtsortes in Oberbayern, der seit dem 16. Jahrhundert, zuerst sehr langsam, Zulauf bekam, im Rahmen der gegenreformatorischen Konsolidierung von der kirchlichen und staatlichen Obrigkeit gefördert wurde, zu Beginn des 18. Jahrhunderts seine Blüte erlebte und gegen Ende des Jahrhunderts – trotz heftigen Widerstands des "gemainen Volks" – einer neuen staatlichen wie kirchlichen Politik zum Opfer fiel, in deren Mittelpunkt die allgemeine Wohlstandsmehrung und eine neue, vom Geist der Aufklärung beeinflußte Tugendlehre der Arbeitsamkeit standen.

Die Autorin ist weit davon entfernt, einem volkskundlichen Folklorismus zu huldigen – nicht minder entschieden lehnt sie jedoch auch jene herablassende Haltung ab, die den Wundergläubigen vergangener Zeiten wie Kindern begegnet. Sie fragt vielmehr nach der inneren Kohärenz der Welt des Wunders. Wer eine Wallfahrt unternimmt, sucht Hilfe gegen Krankheiten, Gebrechen, Unglücksfälle, Verhexungen: Hintergrund ist stets die qualvolle Ohnmacht des Menschen, der sich (noch) nicht selbst helfen kann. Zugleich aber eröffnet die Wunderwelt eine ganz neue Dimension des Wirklichen. Mariä Hilfe ist stets und für alle präsent, vor dem Wunder sind alle gleich, vom Kurfürst bis zur Bäuerin. Im Angesicht von Maria verlieren die üblichen sozialen Beziehungen an Bedeutung, das herkömmliche soziale Netz, seine Hierarchien und Ausgrenzungen sind außer Kraft gesetzt; Frauen etwa – denen ja ansonsten der sakrale Bereich völlig verschlossen war – spielen in der Welt des Wunders fast die gleiche Rolle wie Männer. Maria straft nicht, sie hört zu, jedes Leid und alles Private erkennt sie an, Heiliges und Profanes mischen sich bei ihr auf eigentümliche Weise. Wer sich an sie wendet, tut das freiwillig, verläßt also die Bahnen herkömmlicher Beziehungen.

Der neue Imperativ