RTLplus, täglich außer sonntags: "Der Preis ist heiß"

Reklame gilt beim deutschen Publikum nicht viel – zu Unrecht insofern, als mancher Pfiff in Design und Spruch aus ihr stammt. Der Erfolg diverser "Cannes-Rollen" (spielfilmlange Werbespot-Leporellos) belegt denn auch, daß zumindest im nachhinein und in der Ballung der Werbefilm Interesse weckt. Reklame-Revuen aus den fünfziger Jahren zeigten, wie exakt gerade das Marktgeschrei den Nerv der Zeit trifft. Als Experimentierfeld für Formen und Töne ist Reklame besser als ihr Ruf, und daß der Zeitgenosse sie zu verachten neigt, hat andere Gründe als ästhetische.

Reklame kommt ungebeten. Sie verstopft die Postkästen und sorgt dafür, daß der ersehnte Liebesbrief zwischen Video- und Pizza-Sonderangeboten verschüttgeht. Sie drängelt sich vor, wenn der Konsument im Kino oder Fernsehsessel Erbauung sucht. Sie arbeitet mit Tricks, appelliert an Reflexe und animalische Gier. Es ist dieses Unseriöse, Ranschmeißerische, Einschmeichelnde, Wegelagerische, das an der Reklame abstößt. Käme sie frank als sie selbst daher und s:ünde sie zu ihren Zwecken, sie wäre viel weniger lästig. Womöglich aber auch weniger erfolgreich. Ihr genügt es ja nicht, daß die Leute sie anschauen, sie muß die Menge in Bewegung setzen, daß sie geht und einkauft. Sie will keine Avantgarde-Lorbeeren ernten (obwohl ihr das manchmal passiert), sondern Umsätze steigern. Dieser Überhang an kaufmännischem Kalkül im Verein mit notorischer Aufdringlichkeit macht Reklame zur Pest.

An die Omnipräsenz der Werbung in den Printmedien ist der Zeitungsleser gewöhnt. Solange der Grundsatz, daß redaktioneller und Anzeigenteil säuberlich und sichtlich getrennt sein müssen, eingehalten wird, hat niemand Probleme mit der Annonce einer Großbank im Wirtschaftsteil oder eines Verlages im Feuilleton. Was Fernsehen betrifft, so erleben wir erst seit einigen Jahren die Vollfunktionalisierung dieses Mediums zur Werbetrommel. In den Privatsendern gibt es Nachrichten und Spielfilme nur, wenn zuvor, danach und mittendrin genügend Früchtejoghurts, Rasierapparate und Einbauküchen verkauft worden sind. Egal, wie pfiffig, wie flott die Spots mitunter sind: Der deutsche Fernsehzuschauer, mit der vorlauten Reklame auf dem Bildschirm vergleichsweise wenig vertraut, reagiert genervt auf ein Zuviel an Werbung und fürchtet mit Recht um die Integrität seines TV-Genusses, wenn die Warenkunde überhandnimmt. Und umgekehrt steht, das lehrt das amerikanische Beispiel, die Integrität des Mediums Fernsehen als seriöser Lieferant von Information und Zerstreuung in Frage, wenn die Marketing-Genies es vollends unterwandern. Andererseits begreift jeder TV-Gucker, daß sich ein Sender, dem keine Gebühren zufließen, irgendwie finanzieren muß und daß der Zuschauer mit Inkaufnahme von Werbung eine Art Eintrittskarte löst.

Werbung im Fernsehen ist eine Frage des Maßes und der Anordnung. Wir werden uns letztlich an sie gewöhnen wie an die gedruckte. Wir müssen aber verlangen, daß der Grundsatz einer strikten Trennung von Programm und Werbeblock auch im Fernsehen eingehalten wird. Schleichwerbung ist unanständig, die Unterbrechung von Sendungen zu Werbezwecken eine schwere Verletzung dramaturgischer Leistungen und Erwartungen bei Filmern und Publikum. Des Dilemmas Lösung ist die Werbe-Show, die pure, knallharte Verkaufe, die Sendung, in der die Produkte die Stars sind und die Menschlein, die ratend und moderierend um sie herumtanzen, bloße Chargen. So eine glückliche Sendung ist Der Preis ist heiß". Barbara Sichtermann