Bei der politischen Neuordnung der Welt nach dem Kalten Krieg stand Japan bisher im Abseits. Die osteuropäischen Revolutionen ereigneten sich in zwölftausend Kilometer Entfernung. Im Golfkrieg mischte sich das Land nur mit dem Scheckbuch ein. Bei den großen politischen Umwälzungen der vergangenen Jahre war Japan, wenn überhaupt, dann nur als Zuschauer beteiligt. Das soll nun anders werden.

Als Exerzierplatz für Japans neue weltpolitische Ambitionen haben sich die Tokioter Regenten ein für sie ungewöhnliches Terrain ausgewählt: die internationale Umweltpolitik. Bereits für Juni auf dem Uno-Umweltgipfel in Rio de Janeiro plant Japan seinen ersten Auftritt als ökologische Führungsmacht. Dort wird Tokio aller Voraussicht nach das größte Finanzpaket aller Nationen aufschnüren. Als langfristiges Finanzierungsinstrument seiner internationalen Umweltverpflichtungen sieht die japanische Regierung von 1994 an die Einführung einer neuen CO2 – Abgabe und die Erhöhung der Benzin- und Ölsteuer vor.

In den vergangenen Wochen sprachen hochrangige Regierungspolitiker und Spitzenbeamte von jährlichen Finanzierungsbeiträgen zwischen fünf und zehn Milliarden Dollar, die Japan für internationale Umweltschutzmaßnahmen aufbringen müßte. Kein anderes Land hat solche Summen bisher eingeplant. Im Streit um das Geld sind die Verhandlungen zum Rio-Gipfel bislang steckengeblieben.

„Ich bin nicht so arrogant, daran zu glauben, daß Japan die volle Verantwortung für die Umweltpolitik des Globus übernehmen kann“, sagt der ehemalige Finanzminister Ryutaro Hashimoto, der zu den mächtigsten Politikern des Landes zählt. „Aber Japan wird unternehmen, was ein Land nur tun kann, das auf der Erde weiterleben will.“

Das neue Umweltbewußtsein, das sich in die Spitzenetagen der japanischen Elite eingeschlichen hat, mag vielen opportunistisch und unglaubhaft anmuten. Stand Japan nicht bis vor kurzem als einer der größten Sünder am internationalen Umweltpranger? Berühmt und berüchtigt wurde das Land wegen der Walfängerei, die es auch heute noch betreibt, obwohl Japan dafür aus aller Welt kritisiert wird. Doch das westliche Klischee vom walfressenden Japan ist so ziemlich das einzige, welches das jetzt vorgenommene Revirement der japanischen Umweltpolitik überdauern könnte. Denn die japanische Regierung hat ihre Öko-Kritiker beim Wort genommen.

Sie stoppte den Schleppnetzfang japanischer Fischer im Pazifik, die mit ihren riesigen, engmaschigen Netzen, von Meeresschützern „Todesmauern“ genannt, alles Getier von der Ozeanoberfläche abschöpften. Tokio unterband nach internationalem Reglement den Handel mit Elfenbein, der zuletzt nur noch in Japan Rekordumsätze brachte. Beim Geschäft mit bedrohten Tierarten wie Schildkröten und Bären zeigt sich die japanische Regierung nach Jahrzehnten purer Ignoranz plötzlich kooperationsbereit. Galt Japan noch in den achtziger Jahren aufgrund seines bis dahin völlig unkontrollierten Tierhandels als größter Feind aller Naturfreunde, konnte im März dieses Jahres die internationale Artenschutzkonferenz CITES ohne Komplikationen in Kioto tagen.

Keine dieser Entscheidungen wurde in Tokio aufgrund innenpolitischer Notwendigkeiten getroffen. Über eine stoßkräftige Umweltbewegung verfügt Japan schon seit Jahren nicht mehr. Stets war es internationale Kritik, angeführt von Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace oder der Artenschutzlobby World Wide Fund for Nature (WWF), die Japan zum Handeln bewegte. Der WWF war es auch, der mit einer 1989 veröffentlichten Studie die weltweite Kritik an den japanischen Tropenholzimporten anstieß – nicht ganz vergebens. Im Herbst 1991 handelte Tokio mit seinem größten Tropenholzlieferanten, Malaysia, ein Abkommen aus, das die japanischen Holzimporte aus Südostasien bis 1995 auf die Hälfte reduziert. Weiterhin beschloß Tokio, seine Entwicklungspolitik stärker ökologisch auszurichten. In den letzten drei Jahren vervierfachten sich die japanischen Kredite für Umweltprojekte in Entwicklungsländern auf 1,5 Milliarden Mark.