Von Elke von Radziewsky

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Größte im ganzen Land?“ Ein gewaltiger goldgerahmter Spiegel, viergeteilt zur Spiegelgalerie, empfängt die Besucher der Hamburger Deichtorhallen und lockt sie, ein alter Jahrmarktsbudentrick, in die dahinterliegenden Räume. Hinein in ein Ausstellungs-Dreierpack, das Zdenek Felix für seine Besucher zusammengeschnürt hat. Drei Künstler, drei Positionen: Michelangelo Pistoletto, On Kawara, Imi Knoebel, das ist ein Spaziergang durch ein übersichtliches Terrain zeitgenössischer Kunst.

Spiegelbilder gehören zu den bekanntesten Werken des 1933 geborenen italienischen Artepovera-Künstlers Michelangelo Pistoletto. Rund, quadratisch, als Bilder in Rahmen gefaßt, wie beiläufig auf den Boden gestellt, finden wir Spiegelstilleben gleich am Anfang in einem Seitenkabinett. Sie sollen im Raum zwischen polierter Oberfläche und Hintergrund die Umgebung einfangen, abbilden, doppeln, verfremden, in ein neues Leben hinüberwechseln lassen. Nicht Narziß, der selbstverliebt im eigenen Spiegelbild ertrinkt, ist für Pistoletto die sinnbildliche Bedeutung des Spiegels, sondern das dialektische Gegenüber des Menschen. Für ihn bergen die Spiegel den wiedergefundenen Ursprung der Kunst.

Dann versperrt ein Raubtiergitter den Weg. Ein paar Stäbe fehlen, wir steigen hindurch, in die Welt eines anderen Pistoletto, erspähen weiter vorn eine Manege mit buntem Zeug. Ein mannshohes, gelbes Häuschen mit rotem Dach und aufgemalten viereckigen Fenstern ragt heraus. Eine große Quecksilberlampe hängt so tief von der Decke, daß, wer sich darunter setzen wollte, sie auf dem Kopf trüge wie einen Hut. Eine Spiegelpritsche und ein Bad in Körperpaßform gehören zur stummen Parade, ein Tisch und zwei Stühle, programmatisch in einen Rahmen gezimmert („Das Mahlzeitenbild“), und ein Sarkophag, der an eine Nähmaschinenhaube erinnert. Wir wandern durch ein Kuriositäten-Sammelsurium mit Objekten, die, so deutlich mit sich selbst beschäftigt, aus der Welt der Pittura Metafisica stammen könnten und stillvergnügt doch eher an ein Spielzeugparadies erinnern.

Wie das alles entsteht, erzählt Michelangelo Pistoletto im Katalog am Beispiel der großen angebrannten Papp-Rose. Er träumte von ihr, träumte von der angesengten Blüte, stand auf, nahm Wellpappe, die er fand und formte sein Traumbild. Er führte es aus, arbeitete das Traumbild sozusagen weg, strich es ab von all den ihm möglichen Ideen: schuf ein Minus-Objekt. Kunst, sagt der Arte-povera-Mann, muß beweglich sein, immer vorn. Jede Idee, die in der Welt ist, ist auch schon eine verbrauchte Idee. Kunst gleicht der Sisyphusarbeit, einer Kugel, die immer neu den Avantgardeberg hinaufgerollt wird. Genauso war es mit der Lampe. Eines Tages kam Michelangelo Pistoletto die Idee, daß alles, was er bisher gebaut hatte, im Dunkeln liege. Also erschuf er das Licht. Die dicke Lampe hängt in der Manege – ein Minus-Minus-Objekt.

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Schwarze Schrift auf weißer Wand: „On Kawara“: Links schickt uns ein Hinweis aus dem Zentrum zu den Arbeiten des japanischen Künstlers, den bisher kaum jemand zu Gesicht bekam, der nicht auf Vernissagen geht und sich auch nicht photographieren läßt. Der aber sein unsichtbares Leben in einem Ritual, einem Kunstkonzept, festsetzte, von dem er uns Nachrichten schickt.