Hannover

Die beiden Herren, die im Spätsommer 1990 bei trockenem Weißwein und hausgemachten Nudeln im italienischen Restaurant „Roma“ zusammenkommen, haben höchst unterschiedliche Interessen. Sozialdemokrat Gerhard Schröder, seit wenigen Wochen an der Spitze einer rot-grünen Regierung in Niedersachsen, will Ernst machen mit dem Ausstieg aus der Atomenergie. Ihm gegenüber sitzt Klaus Piltz, Chef des viertgrößten Industriekonzerns der Bundesrepublik. Seine Veba AG erzielt einen maßgeblichen Teil ihres Gewinns mit dem Verkauf von Strom aus Kernkraftwerken. Doch das Treffen verläuft harmonisch. Es läutet sogar einen ungewöhnlichen Pakt zwischen Rot-Grün in Niedersachsen und dem Düsseldorfer Großkonzern ein.

Schon im Mai 1991 rufen Schröder und Piltz gemeinsam die Niedersächsische Energieagentur ins Leben, die landesweit Energiespartechniken und alternative Energieerzeugung voranbringen soll. Als Geschäftsführer akzeptiert die Veba mit Stephan Kohler vom Freiburger Öko-Institut einen ausgewiesenen Atomkraftgegner. Die Branche wird erstmals hellhörig. Knapp ein halbes Jahr später folgt der zweite Schritt: Land und Veba verabreden Gespräche über moderne Gas- und Kohlekraftwerke an niedersächsischen Standorten. Intern beginnt die Konkurrenz über die Absichten der Veba zu spekulieren. Für eine Überraschung sorgt Schröder schließlich am 7. Februar 1992: Mit dem gerade verabredeten Neubau eines Gaskraftwerks in Stade werde das Atomkraftwerk der niedersächsischen Veba-Tochter PreussenElektra noch vor der nächsten Landtagswahl Mitte 1994 endgültig abgeschaltet.

Sollte Schröders Zuversicht begründet sein, wäre es das erste Mal und ein Zeichen über Niedersachsen hinaus, daß ein laufender westdeutscher Atommeiler im Konsens zwischen Politik und Energiewirtschaft vom Netz genommen würde. Ausstiegsankündigungen anderer Landesregierungen, wie zum Beispiel der von Björn Engholm in Schleswig-Holstein, sind kläglich im Sande verlaufen. Schröders Koalition steht nach fast zwei Regierungsjahren bei der Einlösung des Wahlversprechens Atomausstieg erheblich unter Druck.

Seine parteilose Umweltministerin Monika Griefahn hat die Planungen für atomare Endlager in Gorleben und im Schacht Konrad (Salzgitter) nicht stoppen können. Mehrmals mußte sie schon Weisungen von Bundesumweltminister Klaus Töpfer schlucken. Die Anti-Atom-Initiativen und weite Teile der Grünen-Parteibasis wollen endlich Erfolge sehen. Gila Altmann, Vorstandssprecherin der Grünen, auf dem jüngsten Parteitag in Hildesheim: „Der Vertrauensverlust ist erheblich. Wenn wir jetzt unseren politischen Spielraum für den Ausstieg nicht konsequent nutzen, können wir uns von dieser Wählergruppe verabschieden.“

Schröder, ein Freund von Chefsachen, hat sich der Energiepolitik selbst angenommen, nicht zuletzt, um Rot-Grün über das Wahljahr 1994 hinaus am Leben zu erhalten. Vor seiner Haustür in Hannover plagt ihn allerdings ein Hardliner der Energiebranche. Hermann Krämer, Vorstandsvorsitzender des Stromgiganten PreussenElektra (Atomstromanteil von siebzig Prozent), tut sich schwer, von seinem bisherigen Kurs abzurücken. Die enge Zusammenarbeit seines Mutterkonzerns Veba mit dem von ihm nicht sonderlich geliebten ehemaligen Juso-Chef Schröder betrachtet Krämer mit höchst gemischten Gefühlen. Bei Vorgänger Ernst Albrecht, der einst in Niedersachsen Atomkraftwerke notfalls im Alleingang bauen wollte, fand Krämer stets ein offenes Ohr. In die vertraulichen Verhandlungen von Piltz und Schröder war Krämer, Boß des immerhin zweitgrößten deutschen Energieversorgers, offenbar lange Zeit gar nicht eingeweiht. Gegenüber Nahestehenden läßt er seinen Ärger über die Veba-Zentrale in Düsseldorf heraus: „Die Gründung der Energieagentur lief an mir vorbei.“ So räumt er den ehrgeizigen Plänen der Agentur nur geringe Chancen ein.

Die Staatskanzlei verweist optimistisch auf das große Interesse bei Kommunen und öffentlichen Einrichtungen wie Universitäten und Krankenhäusern sowie Unternehmen – etwa VW in Emden – an neuen Energietechniken. Sechzig Projekte wie umweltfreundliche Blockheizkraftwerke, Biogasanlagen oder konkrete Energiesparkonzepte treibt die ein Jahr alte Einrichtung inzwischen voran. Die Agentur will auch den Städten und Gemeinden in der Energieversorgung den Rücken gegen Monopolunternehmen wie die Preussen Elektra stärken.