Von Bartholomäus Grill

Winnie Mandela ist auch da? Wir hätten ihr Kommen nicht bemerkt, wenn uns nicht ein schwarzer Freund darauf hingewiesen hätte. Keine Faust reckt sich zum revolutionären Gruß, keine Hand rührt sich zum Applaus, als die "Königin Afrikas", umschwirrt von ihrem kleinen Hofstaat, Einzug hält. 20 000 Menschen singen und tanzen im Jabulani-Stadion zu Soweto einfach weiter – und ignorieren Winnie Mandela.

So geschehen im Herbst 1990, auf einer Trauerfeier für zwölf junge Männer, die beim Krieg in den Townships umgekommen waren. Unser weißes Gastgrüppchen wunderte sich: Hieß es nicht, Winnie Mandela, die Umstrittene, sei im Frühling, nach der Freilassung ihres Mannes Nelson, zu neuem Ruhm gelangt?

Die Menschen in Soweto hatten offenbar nicht vergessen, was vor diesem Frühjahr geschehen war. Heute müßte sich Winnie Mandela in manchem Schwarzenghetto wohl um den Faltenwurf ihrer schicken Geländer sorgen, wenn sie sich dort sehen ließe. Die Freiheitskämpferin ist verschrien als hochmütige, herrschsüchtige, falsche Schlange. Aber der tragischen Reihe nach.

Nomzamo Zaniewe Winifred Madikizela, geboren 1934, stammt aus der Häuptlingsfamilie der Tembu. Ihre Eltern waren ein wohlhabendes Lehrerpaar – soweit man im Apartheid-Staat mit der falschen Hautfarbe überhaupt wohlhabend sein konnte. Die Mutter starb, als Winnie zehn Jahre alt war. Früh wurden ihr Selbständigkeit und Fürsorgepflichten abverlangt. Sie studierte Sozialpädagogik in Johannesburg und arbeitete als erste schwarze Sozialarbeiterin im riesigen Baragwanath-Krankenhaus am Rande Sowetos. An der Hochschule und im Hospital politisiert, trat sie 1958 dem African National Congress (ANC) bei.

Bei den Geheimtreffen der schwarzen Befreiungsbewegung lernte sie einen gewissen Nelson Mandela kennen. Noch im selben Jahr gab sie dem Wortführer des Widerstandes ihr Jawort. Das Eheglück währte indes nur kurz: 1962 wurde Nelson Mandela zu lebenslanger Haft verurteilt – und 28 Jahre lang eingesperrt. "Ich habe nicht nur den Mann geheiratet, sondern auch den Kampf", erinnert sich Winnie. Genommen wurde ihr der Mann, geblieben war ihr der Kampf.

Nichts und niemand konnte die junge Frau einschüchtern. Fünfzehn Jahre Verbannung, siebzehn Monate Einzelzelle, Verhaftungen, Verhöre, Schikanen – das Burenregime vermochte sie nicht zum Schweigen zu bringen. Da half es auch nicht, sie in einem Provinznest namens Brandfort zu isolieren: Sie kaufte in den exklusiven Läden der Weißen ein, gab Interviews, organisierte den Widerstand. Nicht Nelson, sondern Winnie Mandela avancierte zum Staatsfeind Nummer eins. In aller Welt wurde sie als Freiheitskämpferin verehrt. Zu Hause entstand ein regelrechter Winnie-Kult.