Ist der Mann mutig oder einfach verrückt oder beides? Libyens Präsident Ghaddafi kontert die Sanktionen der Vereinten Nationen gegen sein Land, indem er seinerseits mit einem Ölembargo droht. Die Rechnung des Revolutionsführers könnte aufgehen.

Die Sanktionen, die seit dem 15. April gelten, weil Ghaddafi die Auslieferung der mutmaßlichen Lockerbie-Attentäter verweigert, wird der Wüstenstaat zumindest vorübergehend verkraften. Vom internationalen Luftverkehr abgeschnitten zu sein trifft zwar: Transportkosten steigen, Reisen ins Ausland werden beschwerlich. Aber es bleiben immer noch die Wege über Land oder zu Wasser. Die benachbarten Staaten Tunesien, Malta und Ägypten, das rund eine Million Gastarbeiter in Libyen untergebracht hat, helfen schon dabei, diese Verbindungen zu verbessern. Syriens Präsident Assad, Anfang dieser Woche unterwegs in der Golfregion, überlegt sogar, ob er aus dem Embargo gegen Ghaddafi ausscheren soll. Daß Libyen keine Ersatzteile für Flugzeuge geliefert bekommt, verschmerzt es, weil die Lager gut gefüllt sind. Ghaddafi hatte Zeit, sich vorzubereiten. Auch seine Waffenlager sind bestens bestückt. Falls er trotzdem etwas braucht – die Grenzen im Nahen Osten sind durchlässig.

Auf diese Sanktionen nun reagiert Ghaddafi mit der Drohung, den Westen mit einem Ölembargo zu strafen. Ökonomisch betrachtet ist das ein Witz: Libyen ist an der weltweiten Rohölversorgung mit rund zwei Prozent beteiligt, aber neunzig Prozent der Einnahmen des Revolutionsstaates kommen vom Öl. Die Staatswirtschaft bietet ansonsten nur Agrarprodukte, die teilweise nach Europa exportiert werden, Stahl, den der Freihandelspartner Ägypten kauft, Textilien, Zement und Tabakwaren.

Ghaddafi will den Ölexport freilich nicht ernsthaft gefährden. Er droht lediglich, um diejenigen aufzuschrecken, die erhebliches Interesse am libyschen Öl und an der Ölindustrie des nordafrikanischen Landes haben. Das sind, abgesehen von den arabischen Gastarbeitern in Libyen, die Europäer – allen voran Italiener und Deutsche. An der Erdölförderung sind neben der libyschen Ölgesellschaft bisher nur drei ausländische Unternehmen beteiligt: die italienische Agip sowie die beiden deutschen Veba und Wintershall. Es könnten bald mehr sein: Vor vier Jahren hat Ghaddafi begonnen, seine Grenzen wieder stärker ausländischen Ölgesellschafen zu öffnen. Denn den Nordafrikanern fehlt sowohl das Know-how als auch das Kapital, um die Produktion ohne fremde Hilfe weiter zu steigern. Unternehmen aus Italien, Jugoslawien, Österreich, Kanada, Brasilien suchen nun nach neuen Ölquellen und haben in diese Suche schon Milliarden gesteckt. Das Embargo träfe sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Libyen hat im vergangenen Jahr rund 1,5 Millionen Barrel Rohöl pro Tag gefördert, von denen es 1,2 Millionen Barrel exportiert hat. Der wertvolle Rohstoff schipperte nahezu ausschließlich nach Europa. Italien, die ehemalige Kolonialmacht, nahm 45 Prozent ab, die Bundesrepublik 20 Prozent und Spanien 10 Prozent.

Deutschland deckt fast ein Sechstel seines Bedarfs mit libyschem Öl. Nur die Sowjetunion und Großbritannien lieferten im vergangenen Jahr etwas mehr. Außerdem wird libysches Öl geschätzt: Es ist besonders leicht und vergleichsweise wenig mit Schwefel- und Metallverbindungen verunreinigt. Einige deutsche Raffinerien verarbeiten es ausschließlich – so auch die Hollborn-Raffinerie in Hamburg, die inzwischen mehrheitlich Ghaddafi gehört. Den Anteil hat Ghaddafi der amerikanischen Ölgesellschaft Coastal aus Texas abgekauft. In der Schweiz und in Italien besitzen die Libyer ebenfalls Raffinerien.

Lieferungen an die libysche Industrie sind die andere Seite des Milliardengeschäfts mit dem Wüstenstaat. Europäer, Kanadier und zunehmend auch Koreaner statten Libyens Industrie mit Maschinen, elektronischen Erzeugnissen, Eisenwaren, Kraftfahrzeugen, chemischen Produkten und Know-how aus. So bauen Koreaner – mit europäischen Zulieferungen – eine riesige unterirdische Wasserleitung durch die Wüste nach Bengasi, den „Manmade River“. Mannesmann hilft, die Ost-West-Gaspipeline entlang der Küste zu verlängern. Jugoslawen zusammen mit Kanadiern erweitern die petrochemische Fabrik in Ras Lanuf. Auch der deutsche Anlagenbauer Uhde und wiederum Mannesmann sind dort engagiert. Siemens verbessert die Energieversorgung und die Telekommunikation des Landes.