Die britischen Konservativen sind mit dem vierten Wahlsieg in Folge ihrem Ziel näher gekommen, sich dauerhaft als Regierungspartei zu etablieren. Die Ablösung Margaret Thatchers war ein Paradebeispiel dafür, wie es einer Partei trotz Wirtschaftskrise und spürbarem Stimmungsumschwung gelingen kann, die Macht zu verteidigen. Allerdings wächst unter der Dauerherrschaft einer Partei neues politisches Konfliktpotential. Ohne die Gelegenheit, sich in der Opposition zu regenerieren und überholte Auffassungen aufzugeben, sind gerade die Anhänger der alten konservativen Lehre noch weniger bereit, notwendigen Wandel zu akzeptieren.

Ein Beispiel dafür ist der Streit, den Margaret Thatcher eben vom Zaun gebrochen hat. In einem Interview mit dem amerikanischen Magazin Newsweek läutet sie unmißverständlich das Ende des Burgfriedens bei den Tories ein. Die Eiserne Lady wirkt wie eine Mischung aus gekränkter Prophetin, die in der eigenen Partei nichts mehr gilt, und konfliktbereiter Kämpferin, die keinen Gedanken verschwendet an ein geruhsames Pensionärsdasein in den Polstern des Oberhauses.

Zunächst einmal beansprucht sie einen guten Teil des Verdienstes am Wahlsieg der Konservativen. Sie habe vor der letzten Wahlkampfwoche den Rat erteilt, eine „positive Kampagne“ zu führen und die Errungenschaften ihrer Regierungsjahre herauszustreichen. Zum Glück hätten Premierminister John Major und seine Mannschaft ihn befolgt.

Dieses Eigenlob verknüpft Margaret Thatcher denn mit einer deutlichen Warnung: Major müsse darauf achten, nicht das zu demontieren, was in ihrer Zeit als Regierungschefin erreicht worden sei. Schon gar nicht könne die Rede davon sein, er sei nun plötzlich „sein eigener Herr“. Fast verächtlich weist Frau Thatcher den Gedanken zurück, es gebe einen politischen „Majorismus“ wie einst den „Thatcherismus“. Ihr Nachfolger habe lediglich ihre Prinzipien übernommen und sie als seine eigenen präsentiert.

Angesichts dieser Schelte wundert es nicht, daß die ersten programmatischen Aussagen und personalpolitischen Entscheidungen John Majors vor ihren strengen Augen keine Gnade fanden. Seine Vorstellung von der „klassenlosen Gesellschaft“ hält sie offenbar für ausgemachten Unsinn; seine Neigung zu Konsens und Kompromiß für geradezu gefährlich. Sein Versprechen, für bessere staatliche Dienstleistungen zu sorgen, qualifiziert sie mit dem Hinweis auf zu hohe Staatsausgaben ab. Besonders mißfällt ihr die neue Schlüsselposition ihres Intimfeindes Michael Heseltine. Mehr als jeder andere personifiziert der neue Industrie- und Handelsminister mit seinen proeuropäischen undinterventionistischen Neigungen den Verrat an den Grundsätzen des Thatcherismus.

Die Schelte Margaret Thatchers bestätigt die Befürchtungen der konservativen Parteiführung. Die frühere Premierministerin denkt nicht an einen würdevollen Rückzug aus der Politik wie die Premiers Callaghan oder Wilson. Sie gedenkt, für ihre Überzeugungen zu kämpfen, und wird, wann immer sie es für notwendig hält, ihrem Nachfolger ins Handwerk pfuschen.

Damit folgt sie dem Beispiel ihres Vorgängers Edward Heath, der elf Jahre lang an ihrer Politik herumgenörgelt hat. Zwar ist ihr Einfluß nach dem Abgang vieler politischer Kampfgefährten wie der Exminister Tebbit, Ridley und Parkinson begrenzt. Aber er ist groß genug, John Major Kopfschmerzen zu bereiten. Die Kluft zwischen entschiedenen Antieuropäern und Euro-Pragmatikern ist in den Monaten seit Maastricht nur notdürftig verdeckt worden. Jetzt werden die Gegensätze wieder sichtbar. Margaret Thatcher scheint entschlossen, sich an die Spitze derjenigen zu setzen, die den Kampf gegen den europäischen Superstaat und die Preisgabe nationaler Souveränität auf ihre Fahnen geschrieben haben. Die innerparteiliche Schonzeit für John Major ist jedenfalls vorbei.

Jürgen Krönig (London)