Von Iris Radisch

Blok ist Dichter. Er lebt in Paris und hat drei Frauen. Franziska, Fanny und Fernanda. Er ist ein schlechter Dichter, doch Franziska, Fanny und Fernanda sehen ihm das nach. Sie interessieren sich nicht für seine Dichtung. Als Blok die vierte Fassung seines einzigen Dramas zum Vortrag bringt, schläft Franziska ein. Blok sieht ihr das nach. Denn auch Blok interessiert sich nicht für seine dramatische Dichtung.

Blok interessiert sich für Franziska, für Fanny, für Fernanda. Er arbeitet „in lebendigem Menschenmaterial“. Er belauert die Frauen. Er will ihnen unter die Haut. Stunden- und tagelang sitzt er mit den Frauen am Küchentisch. „Was ist der andere?“ will Blok wissen. Was will der Mann von der Frau, was die Frau vom Mann? Was hält sie beieinander? Blok, dieser späte Nachfahre des Autors der „Wahlverwandtschaften“, will die Rätsel der Liebesarithmetik erforschen.

Der ideale Ort für seine Recherchen ist die Küche: „die Insel der Frau“. Zwischen den Kasserolen, den Krebsschalen und Butterfäßchen will Blok die Herzen der kochenden Frauen bloßlegen. Seine Sehnsucht ist kannibalisch. Er wünscht sich eine Nähe, die „immer wieder versucht, nie gelingt, daß nämlich einer in des anderen Haut zu schlüpfen, zu kriechen und sie sich überzustülpen versucht, diese umgekehrte Art von Häutung, die ein Töten und ein Tausch ist, kein Abziehen, sondern ein Anziehen, freilich nicht weil die Haut des anderen zu eng oder zu weit wäre, sondern weil es unmöglich ist, nicht aussichtslos, sondern unmöglich“.

Bisher ist eine derartige Verschmelzung keinem Paar der Undine Gruenter geglückt. In ihrem Romanerstling „Ein Bild der Unruhe“ zogen zwei Verliebte durch dunkle Pariser Außenviertel und verregnete Badeorte. Doch während dieses trostlose Paar noch beinahe sprachlos, aber mit entschlossener Leidenschaft aneinander vorbeilebte, sich wild betrank, verzweifelt aufeinanderwälzte und schließlich auseinanderging, haben sich die gealterten Helden der „Vertreibung aus dem Labyrinth“ in einen apathischen Voyeurismus, in endlose Gespräche zurückgezogen.

Dem leidenschaftlichen Aufbruch der siebziger folgt das sanfte Lamentieren der achtziger Jahre. Früher tranken die Liebenden literweise Calvados, jetzt knacken sie Flußkrebse. Früher zuckten sie unter „dem weißglühenden Loch in der Herzwand“, jetzt kauen sie auf ihren langen Haarsträhnen. Wie Kröten hocken die Frauen in ihren Wohnungen. Und Blok steht im Hausflur und notiert ihre Unkenrufe. Die Liebe des Dichters zu den drei Frauen ist leidenschaftslos. Nie ertappt man ihn bei einer Berührung. Er nennt sich selber einen „Metaphysiker ohne Metaphysik“. Deshalb sind die Frauen nicht Objekte seines Begehrens, sondern Objekte seiner Beschreibung. Wie im platonischen Gastmahl ist die Liebe für den Dichter eine Form der Erkenntnis. Der Ort des Liebesdramas ist nicht länger das karge Hotelbett, sondern die Wohnküche. Hier raspeln Verliebte und Verheiratete Petersilie und Tomaten, verlieren sich in dunstigen Tischgesprächen, in denen die Konturen der vier Sprecher immer unkenntlicher werden.

Als überzeugte Autisten, als unsere Verwandten und Zeitgenossen mißtrauen die vier Helden dem frontalen Zusammenstoß mit dem anderen. Ihre Liebe gilt nicht den Menschen, sondern den Surrogaten, hinter denen die Menschen verschwinden. Der kleine Plunder, die Bausparverträge und Einkaufstüten, die der moderne Mensch wie den Stein des Sisyphos durchs Leben schleppen muß, sind das Glück der Blokschen Frauen. Sie kennen nichts, das sich nicht am Küchentisch besprechen ließe. Sie verirren sich in Anekdoten und Familiengeschichten, die sie wie ein Panzer vor jeder unverhofften Berührung schützen. „Vielleicht“, glaubt der Dichter, „liegt nur in diesen aufs Ganze verzichtenden Zugaben, Beigaben und Anhängseln Wahrheit.“ Vielleicht, denkt man, sind auch wir Leser nur eine solche Ansammlung von Kleinigkeiten, austauschbare Kröten voller aufgelesener Geschichten und geliehener Eigenschaften? Plappernde Münder, wie man sie aus den sprecherlosen Sprechromanen der Nathalie Sarraute kennt? Leute, die jeden oder niemanden lieben, weil ihre Gefühle wie sie selber nur aus Zitaten bestehen?