Tübingen

La bataillon de la gar de n’existe plus!“ (das Wachbataillon besteht nicht mehr), meldete der letzte amtierende Colonel des angetretenen 24. Jäger-Regiments seinem Divisionsgeneral, und augenblicklich erloschen alle Lichter. Das von Kaiser Napoleon III. als Leibgarde aufgestellte Korps rückte bis auf eine kleine Nachhut ab. Das war im Juni 1991.

Alliierte Truppen vermindern ihre Präsenz, die Forces Françaises es en Allemagne ziehen sich fast vollständig aus Baden-Württemberg zurück. Sie geben die Garnisonen in Freiburg, Friedrichshafen, Münsingen, Reutlingen und Tübingen in diesem Sommer komplett auf. Der Umbau militärischer Einrichtungen, die Eingliederung von Kasernenarealen in den Stadtraum eröffnen den Gemeinden ungeahnte Chancen und stellen sie zugleich vor enorme Aufgaben. Tübingen plant das größte städtebauliche Entwicklungsprojekt seiner Geschichte. Nach der erfolgreichen ersten Phase gilt die Universitätsstadt landesweit als Modell.

Als sich im Herbst 1990 die Gewißheit über den bevorstehenden Abzug der Franzosen verdichtete, stellten Tübingens Stadtsanierer und -planer unverzüglich erste, noch grobe Umwandlungsüberlegungen an. Das rund 120 Hektar große Garnisonsareal prägt den Süden der Stadt und hemmte zugleich seit Jahrzehnten dessen Entwicklung. Etwa ein Viertel der Fläche, darunter zwei große Kasernen, ein Versorgungsdepot, die Kommandantur und die Cité des Cadres, liegt teils zentrumsnah im Siedlungsgebiet und ist nur locker überbaut.

Während französische Elitesoldaten, Angehörige des in der Hindenburg-Kaserne stationierten Jäger-Regiments, noch in Kuwait standen, gab der Gemeinderat die Richtung für die Entwicklung an und sicherte sich den planerischen – Zugriff. Seit achtzehn Monaten basteln etliche städtische Beschäftigte nur noch an einer Aufgabe: dem Südstadtumbau. Tübingen schrieb einen Wettbewerb aus, 43 Entwürfe wurden abgeliefert. Der erste Preis ging an eine Studentengruppe der Uni Stuttgart. Sie nahm die Maßstäblichkeit der bestehenden Kasernengebäude auf und ergänzte diese mit vier- bis fünfstöckigen Neubauten zu einer dichten, rasterartig-prägnanten Blockbebauung – in scharfem Kontrast zum eng parzellierten und verwinkelten mittelalterlichen Stadtkern. Für das „Französische Viertel“ sind also Boulevards und großstädtische fluchten vorgesehen. Bislang exklusiv vom Auto beanspruchte Straßen sollen als öffentlicher Raum wiederentdeckt und belebt werden, wenn die Fußgänger bei der Rückeroberung mitspielen.

Eile und Eifer scheinen sich zu lohnen. Die Stadt wurde vor wenigen Tagen in das badenwürttembergische Sanierungsprogramm aufgenommen. Die Integration von Kasernenhöfen in den Stadtraum sei in Tübingen am weitesten konkretisiert, heißt es im Innenministerium. Acht Millionen Mark Zuschuß, verteilt über ungefähr zehn Jahre, ist das Lob wert. Zwar hat sich Heilbronn mit dem Bund geeinigt, daß aus dem ehemaligen Pershing-Stützpunkt ein Landschaftsschutzgebiet werden soll. Freiburg ließ ein Kasino schleifen, damit Platz für einen Kongreß- und Stadthallen-Neubau ist, doch an die Stuttgarter Fleischtöpfe sind bislang außer Tübingen nur Schwäbisch Gmünd und Offenburg vorgedrungen. In der ehemaligen Gmünder Bismarck-Kaserne wollen baden-württembergische (Fach-)Hochschulen und die University of Maryland verschiedene Institute zu einem bunten „Universitätspark“ zusammenfassen.

Die Interessen der Eberhard-Karls-Universität kommen im Tübinger Süden nicht zu kurz. Die von einer dramatischen Wohnungsnot und explodierenden Mietpreisen geplagte Stadt wird tausend neue Wohnheimplätze für Studierende bekommen, mehr als 600 werden derzeit in ehemalige Mannschaftsunterkünfte eingebaut. Der Großteil der über 400 Offizierswohnungen außerhalb der Kasernenmauern wird städtisch, die meisten sind bereits an Sozialmieter vergeben.