Es ist eigentlich ein ganz normaler Vorgang: Israel bittet die Bundesrepublik um finanzielle Unterstützung für die Eingliederung der vielen jüdischen Einwanderer, Bonn prüft das Begehren, hält allenfalls sehr viel niedrigere Beträge als die erbetenen zehn Milliarden Mark für realistisch und schiebt im übrigen die Entscheidung auf die lange Bank, möglichst auf die Zeit nach den israelischen Wahlen im Juni.

Aber zwischen Deutschland und Israel gibt es keine normalen Vorgänge. In Israel sieht mancher in der zögernden Haltung Bonns die opportunistische Rücksichtnahme auf neue braune Parteien. In Bonn werden israelische Zeitungsmeldungen über die Verhandlungen als gezielte Indiskretion der Regierung Schamir gewertet, um die Deutschen in Verlegenheit und unter Druck zu bringen. In Israel klingt etwas durch von der moralischen Verpflichtung der Deutschen zu besonderem Entgegenkommen, in Deutschland vom Ressentiment gegen die vermeintliche Instrumentalisierung deutscher Schuld zu finanziellem Vorteil.

Die Entscheidung der Bundesregierung ist richtig. Die Regierung Schamir hatte amerikanische Kreditzusagen abgelehnt, weil sie an die Bedingung gebunden waren, daß keine neuen jüdischen Siedlungen auf besetztem Gebiet errichtet würden. Das muß auch das deutsche Anliegen sein. Eine deutsche Finanzzusage zum jetzigen Zeitpunkt würde nicht nur die Vereinigten Staaten desavouieren, sondern auch der Bonner Nahostpolitik zuwiderlaufen. Die deutsche Geschichte verpflichtet die Bundesregierung zu nichts anderem.

Aber sie verpflichtet Bonn zu einem Maß an Takt und Verständnis gegenüber Israel, auf das sonst kein anderer Staat der Welt Anrecht hat. Wenn der Friedensprozeß im Nahen Osten tatsächlich mit israelischem Zutun in Gang kommen sollte, dann wird die Bundesrepublik tatkräftige Hilfe bereitstellen müssen, um ihm zum Durchbruch zu verhelfen. Das Argument, die Kosten der deutschen Einheit seien zu groß, wird dann nicht mehr reichen. Die Kosten der deutschen Geschichte sind größer. cb