Sevilla – das ist fast ein Synonym für Flamenco, Toreros und Rüschenkleider. Zumindest in den Vorstellungen derer, die von dieser Stadt nicht mehr als nur den Namen kennen. Aber Sevilla ist weit mehr als nur die alte Stadt am Guadalquivir: einst Sitz maurischer Herrscher und christlicher Könige, kulturelles Zentrum der Alten und ein Tor zur Neuen Welt. Es ist eben auch die Hauptstadt Andalusiens, der Region mit der höchsten Arbeitslosigkeit in Spanien (knapp unter dreißig Prozent), eine in Teilen moderne Großstadt, die während der Franco-Diktatur von Madrid bewußt vernachlässigt wurde und nun ihren Platz sucht im demokratisierten Spanien und eine neue Identität innerhalb eines vereinten Europas.

Das „Stadtbuch“ über Sevilla (Dieter Haller und Brunhilde Romer [Hrsg.]; Verlag Jenior und Preßler, Kassel 1992; 208 S., 28,– DM) will darum ein anderes Bild von dieser südspanischen Provinzmetropole zeichnen, als die touristischen Handbücher es normalerweise tun. In einer Reihe kleiner Aufsätze beschreiben spanische und deutsche Autoren Facetten des heutigen Lebens, historische Rückblicke inklusive, erzählen dabei zwar von Flamenco und Feria, von Sommerglut und Stierkampf – aber sie beschreiben eben auch die Flohmärkte, die Schwulenszene oder die so ganz andere Vorstellung von „Privatsphäre“, die man in Sevilla zu haben scheint, weil zum Beispiel bei ihnen gesellige Anteilnahme ist, was bei uns als unverschämte Neugier gilt. Sie erzählen Geschichten, selbst erlebte, berichtete, überlieferte, und das in unterschiedlicher Qualität und Länge, doch alle auf ihre Art typisch für das sevillanische Leben. Auch der Serviceteil überrascht mit Tips und Adressen, die den Rahmen des Üblichen sprengen und dazu beitragen könnten, daß Reisende selbst bei kürzeren Visiten ein wenig mehr von Sevilla wahrnehmen als seine touristenglatte Oberfläche. Judh