Arnsberg

Die Ausfallstraße mündet in einen holprigen Feldweg mit großen Schlaglöchern. Hinter einem hohen Maschendrahtzaun zur Rechten erstreckt sich ein weitläufiges Kasernengelände der belgischen Streitkräfte. Schließlich warnt ein Schild: "Sperrgebiet". Hier soll das Tierheim sein? Das Schild habe nichts mehr zu bedeuten, sagt eine Spaziergängerin. Die Belgier hätten diesen Teil des Geländes geräumt. "Fahren Sie ruhig weiter, dann hören Sie schon die Hunde bellen", sagt die Frau.

Das stimmt nicht. Man sieht die Hunde zwar schon von weitem, aber man hört sie nicht. Das häßliche Gekläffe, das Besucher in Tierheimen sonst empfängt, bleibt hier aus. "Ein Paradies für Tiere" steht auf der Tafel am Eingangstor, darunter: "Resozialisierung gestörter Hunde". Nirgendwo sind Zwinger oder Boxen zu sehen; lediglich ein paar Wellblechhütten, in denen bis vor kurzem Munition lagerte, stehen hier sowie am Eingang das ehemalige Wachhäuschen. Auf den Erdhügeln des elf Hektar großen Areals laufen rund hundert Hunde frei herum. Dazwischen auch Ziegen, Hühner und ein Truthahn. "Die Tiere sind den ganzen Tag im Freien", sagt Wilhelm Gareis, als er das Tor aufschließt.

Herkömmliche Tierheime sind ihm ein Greuel. Die meisten seien gebaut worden, "als der Konrad Lorenz noch gar nicht geboren war, als man also noch nichts von Verhaltensforschung wußte". Da lägen die Tiere "auf Beton", würden "in Einzelhaft" gehalten und der Hygiene wegen ab und zu mit dem Schlauch abgespritzt. "Ein Hund, der zwei Monate in einem Tierheim war, ist gestört", meint Gareis.

Der ehemalige Filmproduzent und seine Frau, eine gelernte Photographin, betreiben in Arnsberg im Sauerland ein "alternatives Tierheim". Angefangen hat es vor sechs Jahren mit neun Hunden, die das Ehepaar auf seiner Pferdekoppel hielt. Im Lauf der Zeit wurden es immer mehr. Mit zuletzt über achtzig Hunden wurde die Koppel schließlich zu klein; Anwohner beschwerten sich über angeblichen Lärm. Vor acht Monaten pachteten die Gareis’ das ehemalige Truppengelände.

Den Mißhandelten und Ausgestoßenen, den Ärmsten der Armen unter den Hunden gilt die besondere Zuwendung der Eheleute. "Wir haben hier Tiere, die andere Hunde totgebissen oder Kinder verletzt haben", sagt Sigrid Gareis. Doch sie sieht in ihnen keine Täter, sondern Opfer. "Es gibt keine schlechten Hunde", ist sie überzeugt. Wenn Hunde aggressiv und verhaltensgestört sind, seien sie durch die Menschen so geworden. "Der Hund ist ein Geschöpf des Menschen", pflichtet ihr Mann bei. In Tausenden von Jahren habe er ihn sich herangezüchtet. Kein anderes Tier sei daher so auf den Menschen fixiert und von ihm abhängig wie der Hund. Je verantwortungsloser sich die Menschen verhalten, desto gestörter würden die Hunde.

Das Arnsberger Modell, wie das Tierheim der Eheleute Gareis in Fachkreisen inzwischen genannt wird, beruht auf drei recht simplen Annahmen: