Von Peter Pelinka

Wien, im April

Ruhig und gesittet, ja beinahe langweilig schien diesmal der Wahlkampf um die Präsidentschaft zu verlaufen – so ganz anders als der letzte im Jahre 1986. Seinerzeit war die Kampagne in eine regelrechte Schlammschlacht ausgeartet.

Zwar läßt sich das Ergebnis einigermaßen sicher prophezeien: Der sozialdemokratische Kandidat, Exverkehrsminister Rudolf Streicher, dürfte eine bequeme Mehrheit gegen den konservativen Spitzenmann Thomas Klestil erhalten; der wird seinerseits die „freiheitliche“ Herausforderin Heide Schmidt klar abhängen können. Die eindeutigen Vorhersagen haben einen historisch verbrämten Tiefschlag von FPÖ-Chef Jörg Haider gegen den grünen Kandidaten Robert Jungk indes nicht vereiteln können. Wohl aber den von fast allen Beteiligten inszenierten Versuch, die Erinnerung an den letzten Wahlkampf zu verdrängen. Es war ein Wahlkampf, der Kurt Waldheim in die Wiener Hofburg, ihn selbst ein Jahr später auf die amerikanische „watch list“ und sein Land ins weltweite Gerede gebracht hatte. Nun liegen wiederum die Schatten der nationalsozialistischen Vergangenheit über dem Rennen um die österreichische Präsidentschaft. Das ist das Verdienst eines rechtspopulistischen Bocks, der sich als antifaschistischer Gärtner gerierte.

In der sonntäglichen Fernseh-Pressestunde hatte Jörg Haider lange Zeit geschickt auf Staatsmann gemacht; er war auf Distanz zu den deutschen Republikanern und zur französischen Le-Pen-Partei gegangen und hatte seine Partei als Reformbewegung gegen „Altparteien“ und Koalitionsproporz präsentiert. Aber kurz vor dem Ende, als ihm eine markige Warnung seines persönlichen „Grundsatzreferenten“ Andreas Mölzer vor der angeblich drohenden „Umvolkung“ Österreichs durch die Zuwanderung von Ausländern vorzitiert wurde, ließ er die Hüllen fallen: Man solle sich lieber mit solchen „Jubelbroschüren für das Dritte Reich“ befassen, wie sie Robert Jungk 1942 verfaßt habe, empfahl Haider. Und zitierte aus einem 1990 im Heyne-Verlag erschienenen Sammelband („Deutschland von außen“) von Artikeln, die der grüne Zukunftsforscher im Schweizer Exil verfaßt hatte. In einer Passage ist von der „volksbiologisch sehr fortschrittlichen Regierung des Dritten Reiches“ die Rede.

Jungk ließ noch am selben Tag seiner Empörung freien Lauf und kündigte Klagen und Klarstellungen an. Die „Jubelbroschüre“ entpuppte sich schnell als Artikel in der Weltwoche vom 8. Januar 1942 über die „Auswirkungen des totalen Krieges in Deutschland“, in dem sich der 1938 von Prag nach Zürich emigrierte Berliner mit den Gesundheitszuständen in seinem Heimatland auseinandergesetzt hatte. Nach einer Schilderung von Mangelerscheinungen während des Ersten Weltkriegs schrieb der Autor damals unter dem Pseudonym F.L.: „Die volksbiologisch sehr fortschrittliche Regierung des Dritten Reiches hat sehr viel wirksamere Maßnahmen als die kaiserliche Regierung ergriffen, um ein solches Debakel der Bevölkerung zu verhindern. Trotz all dieser vorbeugenden Maßnahmen aber ist die deutsche Führung heute im dritten Kriegswinter vielleicht von keiner Sorge so schwer bedrückt wie von der Sorge um die nächste Zukunft der deutschen Volksgesundheit. Fast durchwegs läßt sich feststellen, daß die Zahl der Erkrankungen von 1931 bis 1939 sich verdreifacht, von 1939 bis zu Beginn des Rußlandkrieges versechsfacht hat. Wird – so fragt man sich – dieser potenzierte Zuwachs schwer ansteckender Erkrankungen sich fortsetzen? Kann die Offensive des Todes aufgehalten werden?“

Von „Jubelbroschüre“ kann also keine Rede sein, geschweige denn davon, Jungk habe sich „aus sicherer Distanz dem Dritten Reich an den Hals geworfen“, wie Haider tags darauf trotzig feststellte. Seither schlagen die Wogen hoch. Streicher und Klestil verurteilten die Ausfälle Haiders scharf, die Nationalratspräsidentin Schmidt bezeichnete sie nach einer einwöchigen Schreck- und Schweigepause als „Unfug“. Sie hielt aber fest: Jungk habe sich einer „angepaßten Sprache“ bedient. Ähnlich argumentierte Zeitungszar Hans Dichand, dessen mächtige Kronen-Zeitung seit Monaten „verbale Zungenküsse mit Jörg Haider tauscht“ (Helmut Gansterer, Herausgeber des Wirtschaftsmagazins Trend). Dichand ließ seinen Starschreiber Richard Nimmerrichter (Pseudonym „Staberl“) antreten, der Jungks „Schwulst“ als Naziverehrung zu analysieren versuchte. Das brachte auch ihm eine Klage von Jungk ein.