ZDF, Dienstag, 28. April, 23 Uhr: „Die fünfte Rubrik “

An einer belebten Kreuzung der israelischen Hafenstadt Haifa sitzen sechs Akkordeonspieler. Der Verkehr schafft akustische Trennung, und wenn man bei einem von ihnen stehenbleibt, vergißt man den Lärm ringsum. Haifa im April 1992 ist angefüllt mit russischen Liedern, den Melodien aus der kasachischen Steppe, flottem Kasatschok und alten jiddischen Klezmorim, die man noch von den Noten spielt.

Fast eine halbe Million Auswanderer sind in den letzten zwei Jahren aus der Sowjetunion gekommen, die Hälfte von ihnen ist arbeitslos. Akademiker, Ärzte, Ingenieure und an die 10 000 Musiker. Oberhalb Jerusalems spielt ein Trompeter, der auf einem billigen elektrischen Klavier begleitet wird. „Was wollen Sie hören?“ fragt der eine auf Russisch. Ich sage: Bach. Und da spielt der an seinem Jammerbrett tatsächlich eine hinreißende Bach-Partita, fehlerlos, mit allen Haken und Ösen.

Am Jerusalemer Theater hört man jetzt häufig das frisch erlernte Hebräisch mit russischem Akzent. Und in Tel Aviv gehen die Russenwitze um: „Was ist das: Es steigt aus dem Flugzeug und hat keinen Geigenkasten dabei?“ – „Ein Pianist!“ Oder: „Kommst du aus Überzeugung?“ – „Nein, aus Rußland.“ Oder: „Es gibt eine Million Juden in Rußland, drei Millionen von ihnen wollen nach Israel.“ Oder: „Was wird die zweite Sprache in Israel?“ – „Russisch?“ – „Nein, Hebräisch.“ ... In Jaffa sitzen zwei junge Männer auf der Straße und singen zweistimmig ihre russischen Schmachtgesänge, und nicht lange, da sind sie umringt von Landsleuten, die mitsingen und für einen Moment das Gefühl haben: „Es ist wie zu Hause.“ Aber wie denn, sind sie nicht „nach Hause“ gekommen?

Wieder einmal quillt Israel über von Einwanderern, mit einseitig ausgebildeten Talenten. Von Menschen, die ihr Judentum bislang nur als Brandmarkung erfahren haben, als etwas, das man tunlichst verbirgt. Jetzt haben sie im gelobten Land „zu lernen, wer sie sind“ – so jedenfalls drückt es ein sympathischer junger Offizier aus, der aus Kalifornien kam, um den jungen Mädchen aus der Ukraine in einem Armeecamp in den Golanbergen beizubringen, warum Hebräisch ihre Muttersprache ist.

Stalins Pässe hatten eine fünfte Rubrik, wo eine „Nationalität“ eingetragen war, jewrej, Jude, galt als eine solche. Und mit der Nationalität des „Verräters“ Trotzkij war nicht viel anzufangen. Der Eintrag, bislang ein Handicap, ist jetzt ein Vorzug, denn er berechtigt zur Ausreise. Mark Awerbruch (Buch und Regie) hat sich in seiner westukrainischen Heimatstadt umgehört, wo er als Kind eine Mischung aus Russisch, Ukrainisch und Jiddisch zu sprechen lernte. Viele der Älteren, die der stalinschen fünften Rubrik nach ausreisen könnten, wollen bleiben. Sie fühlen sich geachtet, es fehle, sagen sie, an nichts Wichtigem, wenn nicht die Jungen weggehen würden. Eine junge Frau kommt ins Bild, die so bezaubernd ist, daß der Film allein ihretwegen lohnte: „Es sind nicht die Benachteiligungen, die mich vertreiben. Vielleicht ist es die Emigrationswelle selbst“, sagt sie, „oder so eine depressive Grundstimmung. Am Ende werde ich wohl auch gehen.“

Der Filmautor will in der Ukraine bleiben; die Nachteile, die seine „Nationalität“ ihm brachte, und die Vorteile, die ihm die Ausreise verheißt – die wiegen nicht auf, was er an seinem Land hat. Vor den Konsulaten, am Flughafen sucht er mit der Kamera die entgleisenden, die nassen Gesichter ab und kann sie nicht verstehen, die fort wollen, „nur fort, egal, wohin“. Martin Ahrends