Noch vor einem Jahr hätte man von der Rückkehr des verlorenen Sohnes gesprochen und wäre in Schwärmerei über den Sieg der Marktwirtschaft verfallen. Doch in diesen Tagen löst die bevorstehende Aufnahme der ersten sechs von fünfzehn Republiken der ehemaligen Sowjetunion in Internationalen Währungsfonds (IWF) und Weltbank keine Begeisterung mehr aus – zumindest bei den Europäern nicht. Denn beiden Organisationen steht eine Aufgabe bevor, an der sie sich verheben könnten.

Stärker als irgendwo sonst wollen IWF und Weltbank sich nämlich in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) engagieren. Michel Camdessus, geschäftsführender Direktor des Fonds, beziffert die Hilfeleistungen auf 25 bis 30 Milliarden Dollar in den nächsten vier Jahren, Lewis Preston will als Präsident der Weltbank noch einmal 12 bis 15 Milliarden Dollar drauflegen. Darüber hinaus gibt es bilaterale Zuschüsse in der Größenordnung von 20 Milliarden Dollar jährlich.

Nicht nur von den Beträgen her beeindruckt die Großzügigkeit der für ihre Knauserigkeit berühmten Institutionen. Auch mit den normalerweise sehr scharfen Vorbedingungen für Kredite scheint man es diesmal nicht so genau zu nehmen: Bei keinem afrikanischen oder lateinamerikanischen Entwicklungsland würde der IWF seine Hilfen schon beziffern, solange noch nicht einmal eine funktionierende Regierung besteht, geschweige denn das Schicksal der Reformen absehbar ist wie in Rußland. Andere GUS-Republiken liebäugeln mit Schnapsideen wie der Schaffung einer eigenen Währung.

Zweifellos ist es richtig, daß sich die beiden kapitalstärksten und erfahrensten multilateralen Organisationen in den Dienst der GUS stellen, nachdem der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow zu lange eine wirksame Hilfe vorenthalten wurde. Die Freude über diesen Umschwung wäre aber ungetrübter, wenn in die Arbeit von IWF und Weltbank nicht plötzlich Züge von Hektik kämen, die wohl auf politischen Druck zurückgehen. Offenbar ist die amerikanische Regierung wild entschlossen, so schnell wie möglich Hilfe für die GUS zustande zu bringen oder sie zumindest anzukündigen: zunächst das 24-Milliarden-Dollar-Paket, von dessen Existenz einige der elf Industriestaaten, die nach den amerikanischen Vorgaben mitzahlen dürfen, erst aus der Zeitung erfahren haben und dessen Abwicklung immer noch nicht gesichert, ist, jetzt die weit umfangreicheren Hilfen für die vierzehn GUS-Staaten.

Solche Betriebsamkeit ehrt, wenn sie frei ist von Hintergedanken. In Washington ist das nicht immer der Fall. So hielten die Amerikaner Ende der achtziger Jahre den IWF an, einen größeren Beitrag zur Lösung der Schuldenkrise in Lateinamerika zu leisten. Den amerikanischen Banken, die einen Kredit nach dem anderen abschreiben mußten, sollte aus der Patsche geholfen werden; selbstverschuldete Risiken der Banken wurden auf die multilateralen Organisationen übertragen.

Auch heute, kurz vor der Wahl eines neuen Präsidenten, ist das Bild der amerikanischen GUS-Offensive getrübt: Nach wie vor hat Washington der seit langem beschlossenen Erhöhung der IWF-Quoten nicht zugestimmt, ohne die der Fonds die Leistungen nicht erbringen kann, die jetzt von ihm gefordert werden. Schlecht paßt außerdem zur demonstrativen Hilfsbereitschaft, daß die Amerikaner immer noch die aus dem Kalten Krieg stammende Cocom-Vereinbarung nutzen, um den Export moderner Technik für die Telekommunikation und von Werkzeugmaschinen in die GUS zu unterbinden. Was sollen Milliardenhilfen, wenn die Republiken ihren Produktionsapparat nicht modernisieren können?

Unterstützung für die GUS ist zu wichtig, als daß finanzielle Leistungen wegen einer egoistischen Handelspolitik verpuffen dürften. Und zum Wahlkampfgag eignet sich der rührende Dienst an der niedergekämpften Supermacht nicht. Thomas Hanke