Bonn hat den Frauen in den neuen Bundesländern zuviel versprochen

Von Marlies Menge

Düpiert fühlen sich in diesen Tagen Tausende von Frauen und mit ihnen ganze Familien in den neuen Bundesländern. Ihnen wurde aus Bonn großzügig Hilfe annonciert, doch nun erfahren sie, daß sie diese Hilfe nicht oder nur mit erheblichen Einschränkungen in Anspruch nehmen können. Die Enttäuschung unter den Betroffenen ist groß.

Zum Beispiel bei jener Familie in Wismar, die seit Jahren mit fünf Kindern in einer viel zu engen Wohnung lebt. Seit 1987 versucht der Mann, ein Haus fertigzustellen. Alle seine Ersparnisse sind inzwischen verbraucht, alle Kredite ausgeschöpft. Es fehlt noch immer die Heizung und das Geld dafür.

In dieser Situation kündigt sich das sechste Kind an. In der engen Wohnung wäre für den Zuwachs kein Platz mehr; Noch könnte sich die Frau nach der in den neuen Bundesländern geltenden gesetzlichen Regelung in den ersten drei Monaten für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Da erfährt sie vom „Hilfsfonds für schwangere Frauen in Not“, den das Bundesfamilienministerium zu Beginn des vergangenen Jahres für die neuen Bundesländer eingerichtet hat – eigens zu dem Zweck, den Frauen die Entscheidung für das Kind zu erleichtern.

In der evangelischen Beratungsstelle in Wismar, wo sie sich erkundigt, wird der Frau gesagt, sie könne mit einem Zuschuß aus dem Hilfsfonds rechnen, das Geld für die Heizung – und damit der Einzug ins geräumigere Häuschen – sei ihr so gut wie sicher. Das gibt den Ausschlag. Die Frau beschließt, ihr sechstes Kind zur Welt zu bringen.

Die Beraterin hat nicht zuviel versprochen. Nach den Richtlinien des Hilfsfonds sollen und dürfen Zuschüsse durchaus auch dafür verwendet werden, die häusliche Umgebung „kindgerecht“ zu gestalten, wozu auch eine Heizung gehört. Doch was man in der Beratungsstelle zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, sondern erst im Februar erfährt: Das Ministerium ändert die Richtlinien – rückwirkend zum I. Januar.