Von Reiner Pommerin

WASHINGTON. – „Nach der Wiedervereinigung plötzlich eine gemeinsame Grenze mit Rußland zu haben ist gewiß nicht leicht für euch Deutsche!“ Die anteilnehmende Bemerkung eines Studenten im Süden der Vereinigten Staaten erinnert daran, daß 2000 Seemeilen zwischen Europa und der Neuen Welt liegen. Aus solcher Entfernung mögen die Grenzen der Bundesrepublik schon einmal verschwimmen! Doch das Interesse der Amerikaner am Prozeß der Wiedervereinigung, am künftigen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kurs der Bundesrepublik ist groß. Wo immer ich während einer – von den Goethe-Instituten in Amerika organisierten – Vortragsreise referierte, brachte das Thema Deutschland aufmerksame, diskussionsfreudige Studenten und Professoren in die Hörsäle.

Die Bilder von jungen Deutschen aus Ost und West auf der Mauer in Berlin und von „Trabbis“ auf dem Weg über die frühere Grenze haben alle noch in Erinnerung. „Ihr müßt stolz und glücklich sein, wieder eine gemeinsame, große Nation zu sein“, sagt strahlend eine Studentin in Florida. „Jetzt werden wohl viele junge Deutsche nach Osten wandern, um dort die Dinge voranzutreiben“, meint ein Student in South Carolina. Und er fügt gleich hinzu, er sei nach dem Examen gern bereit, dort eine Zeitlang Englisch zu unterrichten. So viel Wohlwollen ist kein Einzelfall. Die Kenntnisse von der Realität des Alltags in den neuen Bundesländern scheinen allerdings häufig sehr begrenzt, trotz kompetenter Professoren.

Bei aller Sympathie überwiegen jedoch die eher skeptischen Fragen und Bemerkungen zum wiedervereinigten Deutschland. Nicht nur afro-amerikanische Studenten aus Louisiana oder Texas wollen mehr über das wahre Maß der Ausländerfeindlichkeit in Deutschland erfahren. Sind Skinheads und Hooligans wirklich stellvertretend für die heutige deutsche Jugend, wird besorgt in Indiana, North Carolina und Washington gefragt. Sind die Rechten in Deutschland auf dem Vormarsch und gar zahlreicher und gefährlicher als die Anhänger Le Pens in Frankreich? Haben Nationalsozialismus und brutaler Antisemitismus in der Bundesrepublik nach der Wiedervereinigung eine Chance? So weit von Deutschland entfernt haben die Warnungen und Prophezeiungen einiger deutscher Intellektueller wie Günter Grass, Jürgen Habermas, Stephan Hermlin und Stefan Heym ihre Wirkung nicht verfehlt.

Durchziehende „Reisekader“ aus den neuen Bundesländern und amerikanische Wissenschaftler, die ihre Existenz als „DDR-Spezialisten“ gefährdet sehen und nützliche Kontakte in der DDR durch Abwicklung verloren haben, pflegen offenbar gründlich das sattsam bekannte Klischee vom kolonialen Überfall der Bundesrepublik auf die DDR. Inwieweit auch linke amerikanische Hochschullehrer durch ihr Verhalten die Opposition in der DDR behindert und zur Stabilisierung des SED-Regimes beigetragen haben, wird bisher allerdings noch kaum diskutiert.

Überraschend ist das große Interesse an der deutschen Sicherheitspolitik. An allen von mir besuchten Hochschulen wurde nach dem künftigen Verhältnis der Bundesrepublik zur Nato und dem Sinn des deutsch-französischen Armeekorps gefragt. Werden die Deutschen ihre Verfassung ändern und militärische UN-Aktionen unterstützen? Wollen die Deutschen etwa eigene Nuklearwaffen? Wie stehen die Deutschen zum Abzug der amerikanischen Truppen aus Deutschland? Immer jedoch gipfelte die Diskussion in Fragen nach der Zukunft, Intensität und Qualität der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Es scheint so, als würden die offiziellen Erklärungen aus Bonn allenfalls in Washington, an den Ostküsten-Universitäten und in den größeren Germanistik-Fakultäten gelesen.

Alle freundlichen Fragen vermögen jedoch nicht darüber hinwegzutäuschen, daß die generelle Bereitschaft an amerikanischen Universitäten, sich wissenschaftlich mit Deutschland zu befassen, nachgelassen hat. Wohl nicht zuletzt deshalb hat Werner Weidenfeld sein Projekt einer Deutsch-Amerikanischen Akademie der Wissenschaften dem Bundeskanzler erfolgreich näherbringen können. Eine solche, mehr auf wissenschaftliche Aktivitäten als auf eine Ehrung verdienter älterer Wissenschaftler zielende Institution könnte dazu beitragen, das gegenseitige Interesse für die beiden Länder an den Universitäten zu verstärken. Von einer Verkürzung der Distanz zwischen Perzeption und Wirklichkeit könnten Amerikaner und Deutsche nur profitieren.

  • Prof. Dr. Reiner Pommerin lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen.