Montag, glücklicher Montag. Man wünscht sich mehr von solchen Tagen, an denen das Reporterleben schön zu nennen wir uns nicht scheuen. Keine weiten Wege, der Einsatzort, Hamburgs Congress Centrum, allenfalls sechs Kilometer entfernt. Ein freier Parkplatz in Eingangsnähe, von wo aus die Rolltreppe schnell zu erreichen ist. Der Rest des Weges ist gut beschildert, hier und da noch eine Schwingtür, Saal 2, es ist geschafft: Itako ’92.

Was aber ist „Itako ’92“? Turniertänzer wissen es, andere womöglich nicht. Alljährlich ruft der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband (ADTV) zum Itako, zum Internationalen Tanzlehrerkongreß. Tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmer, herbeigeströmt aus so mancher Herren Länder, „Tanzen – Lebensfreude für jedes Alter“ ihr Motto, weiß Gott, als wäre dies nicht schon Grund genug für sechs Kilometer.

Doch noch etwas anderes kommt hinzu. Es ist etwas sehr Schönes, um nicht zu sagen Kostbares, das wert ist, festgehalten zu werden. Die deutschen Tanzlehrer haben es geschafft. Anderswo mögen die Dämme brechen, bei ihnen nicht. Die Vereinigung von Ost und West? Keine Schwierigkeiten. Nach Informationen des „Tanzpressedienstes“ ist „auf dem Parkett die Einheit echt vollzogen“. Dank kollegialer Solidarität, meldet das Organ weiter, „befänden sich Ost und West im gleichen Schritt“. Erwartungsfroh sinkt der Besucher in seinen Pressesessel.

Gut siebzig Minuten später. Soeben ist das Eröffnungsreferat des diesjährigen Itako zu Ende gegangen. Es war dem Thema „Jugend und Tanzen“ gewidmet. Ein Vortrag, auf den man sich einlassen mußte, ausführlich und im ganzen nicht uninteressant. „Welche Zukunft hat das Tanzen in der Erlebniswelt jugendlicher Freizeitgestaltung?“ Die Frage hatte die Referentin, eine Psychologin, einfach in den Raum gestellt und im Anschluß daran mit Reizworten nicht gespart. „Tanzmuffel“, „geburtenschwache Jahrgänge“, „Punks mit blauen Haaren“, „Disco“, man mußte gar kein Tanzlehrer sein, um zu verspüren, wie diesbezüglich die Schuhe drücken können.

Doch wer erwartet hatte, dies würde sich allzu belastend auf die Szene im Saale legen, der sah sich angenehm enttäuscht. Kein Beifall, keine Pfiffe, Contenance. War es die angenehme Erinnerung an die Vereinigung, die das Publikum in diesem Augenblick so in sich ruhen ließ? Und wenn nicht dies, was war es dann?

Tja, die Tanzlehrer. Vorne an ihrem Pult hatte die Psychologin – sie war eine gute Psychologin – inzwischen mit der Verlesung günstigster Prognosen begonnen. Mal ganz abgesehen von den „Senioren“, die sozusagen immer länger tanzten, erlaubten „Pilotstudien“ die Vermutung, daß nun auch schon Kinder in die Tanzschulen drängten. Es waren schöne Worte, man kann es nicht anders sagen, es tat gut, auch einmal einem solchen Vortrag zu folgen. Ein kurzer Blick in das irdische Jammertal, und dann plötzlich löst sich alles auf, fügt sich und wird gut. Aber war wirklich alles gut?

Von der letzten Reihe aus betrachtet, mußten Zweifel erlaubt sein. Der Tanzlehrer – genaugenommen war es beschämend. Tag für Tag erklärt man sich die Welt und weiß doch nichts über ihn. „Uuund eins, zwei, drei, wieeegen“, wie vage nur ist die Erinnerung daran, wie es damals war. Spiegelverglaste Räume, die Hände auf fremden Schultern, Erröten, ein letzter Tango noch, dann verlor man sich recht schnell aus den Augen. Natürlich, so ist das Leben. Aber schade ist es doch, dieser Montag machte es grausam klar.

Bei Tisch, nach dem Eröffnungsreferat, bei einem Crevetten-Cocktail, wurde gemunkelt, daß der Swing („Lindy-Hop“) wieder im Kommen sei. Auch gab es Stimmen, die im Zusammenhang mit dem Boogie durchaus von einem Evergreen sprechen wollten. Ein großes Wort. Aber es war schön, es gab keinen Protest. Weder aus West noch aus Ost. Hanns-Bruno Kammertöns