O doch! Es gibt sie noch, die dem Zeitgeist mit der Feder trotzen. Noch gibt es einen Journalismus, der sich von den Heldensagen der alten Germanen nährt. In der politischen Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) überleben die Sänger großer Sagen. Die Harfe der Heroen-Verherrlichung schlägt keiner so wie er: Friedrich Karl Fromme.

Dem treuen Sachsen, 1930 in Dresden geboren, fällt es manchmal schwer, sich in der Welt zurechtzufinden. Wie mögen wir ihn schon deshalb! Die Fährnisse des politischen Lebens bringen es mit sich, daß ein Mandatsträger auch mal abgewählt wird oder zurücktreten muß. Wenn er einem Politiker nachwinken muß, hat FKF immer den Verbandkasten bei sich. Wund- und Heilsalbe, dezent aufgetragen, wird zur Schminke, mit der ein in der politischen Arena zu Fall gekommener Diener des Staates, scheinbar ohne Blessuren, in Walhall einziehen kann.

Im Frühjahr 1986 mußte der CDU-Bürgermeister einer Kleinstadt am Niederrhein, auch noch ein Herr von adeligem Stande, den Hut nehmen. Eine Forderung an den städtischen Haushalt hatte der greise Junker abgewehrt mit dem flotten Spruch, „das gehe nur, wenn man ein paar reiche Juden erschlage“. Hochrot eilt Oberschwester Fromme dem Gestrauchelten zu Hilfe und spendet Trost aus dem Topf rhetorischer Brandsalbe: „Der mag daran gedacht haben, daß die Redewendung in Vorkriegszeiten bis in bürgerlich-jüdische Kreise üblich war, als Kennzeichnung für jemanden, der über seine Verhältnisse lebte. Die Wendung meinte also gerade nicht ,Antisemitismus‘“.

Solcherart sind die Künste unseres Frankfurter Allgemeinen Doktors Eisenbart: Aus schwarz – oder braun – mach weiß. Kein Gedanke, kein Gedenken an die Millionen wirklich erschlagener Juden. Statt dessen – auch ein Erkennungszeichen des im politischen Arzeney-Labor wirkenden Feldschers Fromme – eine vage Drohung an irgendwelche höhere Instanzen, denen unser Mann seine Leitartikel und Kommentare, mehr als möglichen Lesern, unterbreitet. Weil das gräfliche Stadtoberhaupt auch mit 90 000 Mark Buße belegt wurde, schließt der Wundarzt Fromme seinen Krankenbericht mit einem Rezept-Vorschlag, den er in die politisch-juristische Therapie aufgenommen sehen möchte: „Es bleibt, daß eine solche ‚Buße‘, die durch ihre Höhe einer Strafe gleichkommt, zu Verhärtungen führen kann.“ (FAZ, 30. 4. 1986) Verhärtungen? Wo? Bei wem?

Wunderbarer Doktor Fromme: Schon wird sein Rezept befolgt, jedenfalls auf der eigenen Quarantäne-Station. Da stellt der Assistenzarzt Nt. (Klaus Natorp) am 27. 5. 1989 Bundesaußenminister Genscher diese Diagnose: „Es genügt nicht, immer wieder die Freilassung Nelson Mandelas zu fordern ... Das sind Rituale, die zu nichts führen. Wenn Kritik nicht mit konkreten Vorschlägen für eine Politik verbunden wird, die der weißen Minderheit die Angst vor einer Vergewaltigung durch die schwarze Mehrheit nimmt, ist sie nicht hilfreich. Sie erzeugt nur Verhärtungen bei den Machthabern.“

Die politische Redaktion der geschätzten Main-Postille: ein Hauptverbandplatz für Versehrte des öffentlichen Lebens. Doktor Fromme bescheinigt am 23. 5. 1986 dem „FDP-Abgeordneten Hirsch eine über vier Jahre... durchgehaltene Versteifung gegen eine von ihm nicht gewünschte Bonner Koalition“ und muß am 5. 5. 1989 gar „Berliner Verkrampfungen“ melden, weil die SPD dort sich mit der Alternativen Liste eingelassen hat: „Es sind Grüne in einer zum Linksradikalen hin zugeschärften Form. Die Artenvielfalt in der Natur und die Reinheit des Wassers finden hier ein geringeres Interesse als die Veränderung der Gesellschaft.“ Daß die Grünen durch demokratische Wahl legitimiert sind, hilft ihnen in Frommes Rotkreuz-Zelt nicht. Anders die Republikaner. Die kommen gleich auf die Intensivstation: „Soll die Vermutung, Republikaner-Stimmen seien mit im Spiel, ausreichen, eine Wahl für unerheblich zu halten?“ fragt unsere Rep-Hebamme am 6. 10. 1989, und die Lernschwester Me. (Ernst Otto Maetzke) ist mit dem Tupfer flugs zur Hand: „Wer die Abgeordneten der Republikaner, gewählte Volksvertreter, hindern würde, ihren Pflichten nachzukommen, griffe nicht sie, sondern das Parlament an.“ (2. 3. 1989)