Hannover

Lea Rosh versteht die Welt nicht mehr. Da wollte sie den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus in Hannover ein Mahnmal setzen, und jetzt weht ihr der Wind ausgerechnet aus Richtung der Nachfahren der Verfolgten und Gemordeten direkt ins Gesicht. Dabei hatte die NDR-Funkhausdirektorin, die ihr journalistisches Renommee vor allem preisgekrönten Beiträgen über die Judenverfolgung verdankt, eigens einen Verein mit dem Namen „Memoriam“ gegründet und ursprünglich fast alle hinter sich gehabt, die in der Leinemetropole den Ton angeben: den Oberbürgermeister, den Oberstadtdirektor, den Preussag-Chef und auch Teile der jüdischen Gemeinde.

Während jene immer noch zur Funkhauschefin stehen, ist die Stimmung der letztgenannten umgeschlagen. Für Befremden in der jüdischen Gemeinde hat vor allem die Art und Weise gesorgt, mit der das Projekt durchgeboxt werden sollte. Denn fest stand für die Initiatorin und ihre Verbündeten, daß das Mahnmal auf jeden Fall vor der Oper in Hannover stehen müsse. Und fest stand ebenfalls, daß eine öffentliche Debatte darüber nur schädlich sei und darum verhindert werden müsse. Nicht der gesamte Stadtrat sollte über Aufstellung und Standort diskutieren und beschließen, sondern lediglich der Verwaltungsausschuß in vertraulicher Sitzung. Das Vorhaben solle nicht zerredet werden, meinte Lea Rosh. Und es lief wie geplant. Der Verwaltungsausschuß stimmte zu.

Führende Vertreter der jüdischen Gemeinden mögen sich mit diesem „Hauruck-Verfahren“ aber gar nicht anfreunden. „Ich sträube mich gegen eine solche Entmündigung der Bevölkerung“, sagt Landesrabbiner Henry Brandt. „So etwas darf nicht unter Ausschluß der Öffentlichkeit durchgezogen werden. Man muß unbedingt das Risiko eingehen, sich einer Diskussion zu stellen.“ Mit der Scheu vor einer öffentlichen Debatte, weil man fürchte, sonst alte Geister zu wecken, werde das dumpfe Ressentiment gerade genährt, antisemitische Stimmung heraufbeschworen. „Wir leiden“, sagt Henry Brandt, „an einer Inflation von Mahnmalen, die zwar vielleicht erinnern, aber nicht wirklich belehren.“

Was den Landesvorsitzenden der jüdischen Gemeinden, Michael Fürst, irritiert, ist insbesondere die vermeintliche Ignoranz der Mahnmal-Betreiber gegenüber den unmittelbar Betroffenen. Denn es ist zwar vorgesehen, die Namen, Geburtsdaten, Berufe, Todestage und -orte der Deportierten auf einer Gedenktafel festzuhalten, gesprochen worden ist mit den wenigen Überlebenden und Angehörigen, die in Hannover leben, darüber aber offenbar noch nicht. Und manch einer hat bereits klar zu verstehen gegeben, daß er von der Namensliste nichts halte, und Widerspruch angemeldet.

Nun zweifelt auch der Verein „Memoriam“ am Sinn der Namensaufzeichnung, zumal die Sammlung der Daten erhebliche Probleme bereitet. Am laufenden Verfahren „unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ aber soll festgehalten werden. Und wer daran zweifelt, hält sich aus Angst vor Beifall von der falschen Seite lieber zurück. Wie notwendig es wäre, den verbreiteten Vorbehalten offensiv entgegenzutreten, anstatt noch zusätzliches Mißtrauen zu erzeugen, zeigt die große Zahl der Leserbriefe, die in den Tageszeitungen zu diesem Thema erschienen. Da ist von „unzulässigem Machtmißbrauch“, „Geldvergeudung“ und „Übereifer“ die Rede, da erhebt sich die Frage, ob „wir Deutschen“, die „wir überall und zu jeder Zeit an unsere Kollektivschuld erinnert werden“, es auch noch hinnehmen müssen, daß „ein Denkmal mitten in unserer Stadt“ errichtet wird.

„Ich fordere kein Vetorecht für Neonazis und Unverbesserliche“, sagt Landesrabbiner Brandt. „Wenn ein solches Mahnmal aber nicht von der Mehrheit der Bevölkerung getragen wird, dann ist es ohne Wert.“ Heinrich Thies