Von Vera Graaf

Die Filmemacherin aus Atlanta hat bei ihrer Stippvisite in New York wenig Zeit; wir treffen uns im Büro. Das Frühstück balanciert Julie Dash auf den Knien: einen Kaffee im Pappbecher und ein Stück Kuchen.

Ihrer imposanten Erscheinung tut das keinen Abbruch. Wie eine schwarze Königin sitzt die große Frau mit der Figur einer antiken Statue mir gegenüber, trotz des schäbigen Bürostuhls ganz Majestät, und ganz in Schwarz. Ein halbes Dutzend kleiner Ringe klettern ihre Ohrläppchen empor. Darüber eine kunstvolle Zöpfchenfrisur – ich kann nicht umhin, fasziniert die goldfarbenen Tressen anzustarren. „Meine Haare sind eigentlich schwarz“, lacht sie, als sie meine Neugier bemerkt, „doch ich flechte goldbraune Tressen mit hinein. Das dauert zehn Stunden.“

Julie Dashs Filme gelten in Amerika als schwierig und nicht zu vermarkten. „Alles läuft bei mir wieder aufs gleiche Thema hinaus“, erklärt sie, „nämlich: Was bedeutet es, eine schwarze Frau in Amerika zu sein?“ Gewiß kein Thema für Hollywood. Schwarze Frauen haben sich auf der Leinwand bislang meist als Köchinnen und Callgirls hervortun müssen.

Als Sachverständige für die Motion Picture Association of America, die US-Filme für das Publikum bewertet, mußte sie mitunter pro Tag drei Filme ansehen. „Schwarze treten in diesen Filmen fast nur als Unmenschen auf. Als Überbringer schlechter Nachrichten. Als Kidnapper. Und immer ist es der schwarze Junge, der gerade zufällig das Messer findet, mit dem er dann später zusticht. Drei Jahre habe ich Buch geführt, und mir wurde klar: Es war an mir, diese Zustände zu ändern. Ich mußte selbst Filme machen und die Wahrheit über meine Leute erzählen.“

Diese Wahrheit beschrieb sie zunächst in ihrem Kurzfilm „Illusions“ (1982), der den Rassismus der vierziger Jahre zum Thema hatte. Und nun in „Daughters of the Dust“, einem Spielfilm, der 1991 beim Sundance-Filmfestival in Utah mit großem Erfolg debütierte und im Frühsommer in die deutschen Kinos kommen soll. Produzentin, Regisseurin und Drehbuchautorin: Julie Dash. Besonders von Afroamerikanern wird der Film als Offenbarung gefeiert. Immerhin – der erste von einer Afroamerikanerin gemachte Spielfilm. Das mächtige Branchenblatt Variety freilich schalt ihn „antihistorisch“.