Von Alexander Jung

Seit Mario Pilop zur Arbeit in den Westen pendelt, enden seine Nächte schon um vier Uhr früh. Er quält sich aus dem Bett, tappt auf Zehenspitzen ins Eßzimmer, das Parkett knirscht. Seine Frau Silvia grummelt im Schlaf und dreht sich auf die Seite. „Klar ist es anstrengend, Tag für Tag so früh aufzustehen“, sagt der 28jährige und reibt sich die Augen, „aber man gewöhnt sich an alles.“ Er schmiert sechs Stullen, packt die Brote in eine Plastikbox und nippt an der Tasse Pulverkaffee. Schnell noch ein paar Kohlen nachgeschoben, dann zieht Mario leise die Tür zu, wirft den Rucksack in den Kofferraum und fährt los.

Fast zwei Stunden ist der Zimmermann unterwegs von der Wohnung in Schwerin bis zur Baustelle Fleetinsel in Hamburg. 140 Kilometer morgens hin, 140 Kilometer abends zurück, dazwischen acht Stunden Knochenarbeit bei Wind und Wetter – und das fünfmal die Woche.

Immer mehr Ostdeutsche führen ein Pendler-Leben wie Mario Pilop und reihen sich in die Autoschlange ein, die sich Tag für Tag über die Grenze des Wohlstands zwischen Ostsee und Thüringer Wald windet. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt für Arbeit schätzt, daß inzwischen mehr als eine halbe Million Menschen im Osten leben und im Westen arbeiten: nahezu doppelt so viele wie noch vor einem Jahr; die Zahl steigt weiter.

Die Pendler nehmen die Strapazen der weiten Wege auf sich, weil zu Hause der Arbeitsmarkt leergefegt ist; allerorten wird Personal entlassen. Eineinviertel Millionen Menschen sind in den neuen Bundesländern als Arbeitslose registriert. Und der Tiefpunkt steht erst noch bevor, erwartet die Bundesanstalt für Arbeit. Die Zahl läge noch dramatisch höher, wenn nicht die Nürnberger Anstalt insgesamt rund 3,3 Millionen Menschen im Osten mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM), Umschulungs- und Fortbildungskursen oder mit Hilfe der Vorruhestandsregelung über Wasser hielte und damit die Talfahrt bremste. Nach der Vereinigungseuphorie hat sich unter den Wirtschaftspolitikern mittlerweile Katerstimmung breitgemacht. Überholt sind Einschätzungen, daß nur die Mark eingeführt werden müsse und dann der Aufschwung von alleine komme.

Da bleibt als Ausweg aus der Misere für viele Ostdeutsche nur die tägliche Reise in den Westen. „Lieber vorübergehend im Westen lernen und arbeiten als im Osten auf Ausbildung und Arbeit warten“, das ist ihr Motto. Es sei ausgesprochen sinnvoll, meint Bernd Hof, Arbeitsmarktforscher am Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. „Solange in Ostdeutschland die Arbeitsplatzzahlen sinken und das Lehrstellenangebot knapp bleibt, ist Pendeln eine offensive Antwort auf den Strukturwandel.“ Wenn erst der Investitionsprozeß im Osten in Gang komme, dann stünden die Pendler auch wieder in ihrer Heimat zur Verfügung: eine stille Reserve.

Auch manchen, der noch Arbeit hat, zieht es über die frühere Grenze, Denn im Westen lockt die erheblich höhere Bezahlung. „Ich hätte auch in der Betonplattenfirma in Schwerin weitermachen können“, sagt Mario Pilop, „hätte dann aber nur die Hälfte verdient.“ Für die Arbeit auf der Baustelle bekommt er mit Überstunden und anderen Zuschlägen fast 3000 Mark netto, dazu 1000 Mark Fahrgeld. Sein Schwager Sascha ist ein halbes Jahr lang mitgependelt. „Aber der hat den Streß nicht ausgehalten: Man muß der Typ dafür sein.“ Sascha arbeitet wieder in Schwerin auf dem Bau und muß mit 1900 Mark zufrieden sein.