Von Michael Schmitz

Zagreb‚ im April

Eine Brücke über die Sava, die ein Fahrzeug sicher trüge, gibt es nicht mehr. Wer von Bosnien nach Kroatien flüchten will, muß es an irgendeiner Stelle mit dem Boot versuchen. Gefahrlos ist auch das nicht, denn Serben beschießen die Grenzregion mit Mörsergranaten.

Die Einwohner von Bosanski Samac machen sich im Morgengrauen auf den Weg, alte Männer, Frauen und Kinder. Sie nehmen nur das Nötigste mit; niemand trägt mehr als ein Bündel. Sie drängen sich auf einer kleinen Fähre. Mehr noch als einen Angriff auf der Flucht fürchten sie die Eroberung ihres Dorfes durch Serben. Serbische Truppen sind schon bis Bosanski Samac vorgedrungen. Sie haben die Polizeistation gestürmt und die Brücke über die Sava gesperrt. Keiner sollte entkommen.

Getrieben von der Strömung gleitet das Boot geräuschlos an das andere Ufer. Von dort flüchten die Menschen weiter Richtung Zagreb.

In Kolibbe bergen kroatische Soldaten die Toten. Zwanzig Leichen liegen schon in einer Reihe nebeneinander. Diese Menschen wohnten in dem kroatischen Dorf im Norden von Bosnien. Serbische Freischärler haben es überfallen. Einige der Toten tragen noch Fesseln um die Handgelenke. Sie waren schon gefangen, als Serben sie ermordeten. Manchen schnitten sie einfach die Kehle durch.

Solche Grausamkeiten gibt es auf beiden Seiten. Kroaten und Muslime brechen vereinbarte Feuerpausen ebenso wie Serben. Alle kämpfen um die Herrschaft über einen möglichst großen Teil von Bosnien-Herzegowina. Cyrus Vance, der Vermittler der Vereinten Nationen, betonte deshalb nach seinem jüngsten Besuch in Jugoslawien, Serbien trage nicht allein die Schuld für den Bürgerkrieg. Vance urteilt zurückhaltender als zuletzt das amerikanische Außenministerium, das die Regierung in Belgrad scharf angriff, sie verantwortlich machte für die neuerliche Eskalation und Serbien mit internationaler Isolation drohte.