Ich bin 56, wohne in Duisburg und lebe seit 1978 von Sozialhilfe. Vier Jahre nach der Scheidung hatte ich auf Unterhaltsansprüche gegenüber meinem Exmann verzichtet. Schön blöd war ich da. Arbeiten konnte ich nicht wegen der Kinder. Einen Jungen und ein Mädchen habe ich.

Für die Kinder ist es ja am schlimmsten. Die sind mit Sozialhilfe aufgewachsen. Einmal hatte ich mich an unseren Tisch gesetzt und aufgeschrieben, was ich demnächst beim Sozialamt so beantragen muß: einen Schlüpfer, einen BH und so weiter. Die Claudia hat das gesehen, und da hat sie gesagt: „Mama, das kannst du doch nicht machen, das ist ja wie Betteln.“ Vierzehn war sie da. Ich habe ihr dann gesagt, daß wir für alles betteln müssen.

Und der Manfred, der wollte auf einmal Jeans. Schicke Jeans, die hatten alle. Da habe ich ihm welche genäht, weil das sonst zu teuer gewesen wäre. Die aus dem Laden haben ihm ja besser gefallen. Der Manfred war da immer empfindlich. Als er auf Klassenfahrt nach Frankreich gehen sollte, brauchte ich vom Lehrer eine Bescheinigung für das Sozialamt. Da wollte der Manfred gar nicht mehr mitfahren, weil dann der Lehrer erfahren hätte, daß wir auf Sozialhilfe sind. Schließlich ist er aber doch mitgefahren.

Auf dem Sozialamt sind sie mal so und mal so. Die Tenhagen ist eine kleine Schikanöse. Die ist dermaßen selbstherrlich. Aber der Krüger ist in Ordnung. Mir fällt es ja immer noch schwer, da hinzugehen. Ich fordere immer, was mir zusteht, und hinterher kriege ich Gewissensbisse, weil ich denke, daß ich vielleicht unverschämt war. Einmal hat mir der Krüger etwas Größeres bewilligt, da bin ich zum Laden gegangen und habe eine Flasche Sekt gekauft. Dann habe ich gewartet, bis die im Sozialamt Pause hatten, und dann habe ich dem Krüger die Flasche auf den Tisch gestellt. Beim nächsten Mal hat er gesagt, daß der Sekt lecker war.

Das Geld reicht gerade so, um nicht zu verhungern. Manchmal hat mir meine Mutter noch etwas zugesteckt. Hin und wieder habe ich auch gearbeitet, schwarz natürlich, sonst kriege ich ja weniger Sozialhilfe. Bei uns auf dem Markt habe ich Strümpfe verkauft. Einmal ging die Tenhagen über den Markt. Da habe ich mich gebückt. Sie hat mich nicht gesehen, aber das war ein ziemlicher Schrecken. Ich habe dann aufgehört auf dem Markt.

Als ich einen Freund hatte, haben die Nachbarn beim Sozialamt angerufen. Damit der für mich bezahlen muß. Ich weiß nicht, warum die so etwas machen. Die haben auch gesagt, ich sei luxuriös eingerichtet und würde immer Pelze tragen. Totaler Quatsch, aber ich mußte dann zum Sozialamt und alles erklären. Leider haben die mir nicht gesagt, wer da angerufen hat. Aber ich kann es mir denken.

Sozialhilfe ist wie ein Kloß im Hals, und der ist immer da. Das heißt, manchmal, wenn ich so unter Leuten bin und alles schön ist, dann vergesse ich das richtig.

Aber dann fällt es mir wieder ein, das ist wie Aufwachen, und ich sage mir: Mensch, du bist doch auf Sozialhilfe.