Anfang Mai tagt in Bonn der Deutsch-Polnische Umweltrat. Grünes Licht könnte dann gegeben werden für das Projekt Nationalpark Unteres Odertal. Geschützt wäre damit eine der letzten intakten Naturlandschaften Europas.

Über sechzig Kilometer Länge würde sich der neunte deutsche Nationalpark zwischen Lunow und dem polnischen Szczecin kurz vor Einmündung des Flusses in die Ostsee erstrecken. Zwischen zwei und fünf Kilometern reichte das Reservat jeweils ins Landesinnere hinein. 33 000 Hektar groß wäre der Park, für den fünfzig Millionen Mark Kosten veranschlagt werden. Der Löwenanteil ginge dabei drauf für die etwa 10 000 Hektar Land, die sich derzeit noch in Privatbesitz befinden.

„Die Oder soll in Zukunft nicht mehr ein Grenzfluß sein, sondern ein ‚grünes Band‘, das Deutsche und Polen miteinander versöhnt und verbindet“, heißt es in einer Expertise des brandenburgischen Umweltministeriums. Dabei war es gerade die besondere Grenzsituation der Jahre zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Wende in der DDR, die die Flußlandschaft an der Oder zu einem ökologisch intakten Landschaftsjuwel machte. Reger Grenzverkehr, gar Tourismus wünschten weder die polnische noch die DDR-Regierung.

Die Landschaft wird von Ökologen jedweder Provenienz verehrt: Seeadler, Seggenrohrsänger, Blaukehlchen, Mäusebussard, Turmfalke, Fischotter und Biber sind dort zu finden. An den Uferhängen im Odertal gedeiht das Adonisröschen. Insgesamt 200 Kilometer Wasserläufe wären im Nationalpark integriert.

Die Deutsche Kulturstiftung, der World Wild Fund for Nature, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschlands, aber auch das Bundesumweltministerium und die Europäische Gemeinschaft unterstützen das Vorhaben. Das Bonner Außenministerium hat gleichfalls angekündigt, sich für eine rasche Umsetzung des Plans zu verwenden.

Die Unterstützung ist allerdings billig zu haben. Im ausgewiesenen Gebiet, das vorläufig durch eine einstweilige Sicherung des brandenburgischen Umweltministers Matthias Platzeck auf zwei Jahre nicht zersiedelt oder industriell genutzt werden darf, müßten keine ökonomisch lukrativen Brocken geopfert werden. Ein Konflikt wie auf der Insel Rügen, wo mit Hinweis auf etwaige Arbeitsplätze ein Werftprojekt die ökologische Sanierung des größten deutschen Eilands in Frage stellt, steht nicht zu erwarten.

Die auf dem Gebiet des Nationalparks Unteres Odertal liegende Industriestadt Schwedt mit ihren petrochemischen Betrieben und das sie umgebende Areal sind aus den Konzepten herausgenommen worden.