Von Till Bastian

Nun geht er also, verläßt ohne abermalige Kandidatur die politische Bühne – der deutsche Wehrmachtleutnant und spätere österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim; selber schon fast ein Vergessener – er, der große Vergessen,

Waldheims vielzitierte Vereinsamung in der Wiener Hofburg ist auch die Geschichte einer versäumten Chance. Ein Stachel des Nachdenkens hätte durchaus in der Präsidentschaft Waldheims liegen können – denn seine Art der Vergangenheitsbewältigung ist ja wahrhaft prototypisch, massenhaft. Daß es zum offenen Sich-Stellen, zum möglichen Lernen gar nicht erst kam, liegt keineswegs allein an Waldheim selber, sondern auch an seinem Umfeld, in dem so viele nur nach einem Motto handelten: „Dies alles wissen und es auf sich beruhen lassen, war eins“ (Botho Strauß).

Gerade jetzt, wo er geht, wo es nichts mehr zu verhindern, keinen Rücktritt zu fordern gilt: endlich die Gelegenheit für eine offene Auseinandersetzung mit Onkel Waldheim, Allerdings Onkel! Denn 1988, als die Wellen der Diskussion immer höher brandeten, vermischten sich für mich die in der Presse gedruckten Photos des Wehrmachtleutnants mit Bildern meines Onkels Ruy Bastian, geboren 1921 – nahezu Altersgenossen; gleicher Rang, dieselbe Uniform (als Kind imponierten mir die Reithosen), die beiden Männer – damals jünger, als ich es heute bin – ähneln einander sehr. Und beide folgten so willig dem „Größten Feldherrn aller Zeiten“. Meinen Onkel holte der Tod, Waldheim überlebte. Dennoch – beide haben gewiß gleiches erlebt, erfahren, gewußt, Waren die beiden schmucken Offiziere nicht informiert über den „Kommandobefehl“ vom 18. Oktober 1942, der in völkerrechtswidriger Weise festlegte, den hinter den deutschen Linien operierenden feindlichen Kommando-Soldaten sei „grundsätzlich jedes Pardon zu verweigern“?

Noch weit wichtiger für die schreckliche Kriegswirklichkeit war der „Kommissarsbefehl“, die „Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare“ vom 6. Juni 1941, der besagte, gegen die Politkommissare der Roten Armee müsse „sofort und ohne weiteres mit aller Schärfe vorgegangen werden. Sie sind daher, wenn im Kampf oder Widerstand ergriffen, grundsätzlich sofort mit der Waffe zu erledigen.“

Im nachhinein nichts davon wissen zu wollen, sich durchzumogeln – in dieses Trachten teilte sich Waldheim mit Hunderttausenden. Václav Havel hat es bei den Salzburger Festspielen 1990 – Kurt Waldheim in der ersten Reihe – zutreffend ausgedrückt: „Die Annahme, straflos durch die Geschichte lavieren und die eigene Biographie umschreiben zu können, gehört zu den traditionellen mitteleuropäischen Wahnideen.“

Sigmund Freud sprach einst davon, daß das Verdrängte „unerledigt“ wiederkehre, sein Lieblingsschüler und späterer Intimfeind Carl Gustav Jung bezeichnete die abgespaltenen, mißliebigen Anteile unserer Persönlichkeit als unseren „Schatten“: so unverlierbar wie dieser. Unverlierbar auch die Vergangenheit, unverlierbar der Leutnant Waldheim, der sich dem Staatsoberhaupt Waldheim an die Fersen geheftet hatte: Er Idammerte sich desto fester an, je heftiger er abgeschüttelt werden sollte.