Von Martin Sommer

Heute gönnen sie Sisi keine Verschnaufpause. Gerade erst hat der letzte Untertan das Schloß mit einem wehmütigem Blick zurück verlassen, als deutlich vernehmbar neuer Besuch ins Haus steht. Drei vollklimatisierte Reisebusse quälen sich dröhnend die Serpentinen zur Residenz herauf. Das Volk der Verehrer, mehr noch der Verehrerinnen, ist unerbittlich. Auch hier, in der mediterranen Bergidylle Korfus, spürt es zielsicher seine unsterbliche Märchenprinzessin auf.

Ungeduldig begehren die weit mehr als hundert Ankömmlinge Einlaß an der gitterversperrten Schloßauffahrt. Die österreichische Mundart verrät bereits den fachlichen Rang der betagten Reisegesellschaft. Dann, würdevoll, fast andächtig, schreitet die Prozession der Sisi-Pilger dem säulengeschmückten Portal entgegen. Die vielen Damen und wenigen Herren beherrschen das höfische Protokoll peinlich genau. Audienz bei Hofe verlangt eben Stil.

„Den schönsten Punkt der Welt“ glaubte Elisabeth, Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn, entdeckt zu haben, als sie 1861 erstmals die ionische Insel Korfu bereiste, um ihre vermeintliche Lungenschwindsucht zu kurieren. Das milde Klima, die satte Vegetation und die jahrhundertealte Tradition wuchsen ihr so sehr ans Herz, daß sie in den nachfolgenden Jahren immer wieder auf die Insel der Phäaken zurückkehrte. Dennoch brauchte es Jahrzehnte, ehe die glühende Verehrerin griechischer Kultur und Mythologie ihr eigenes Domizil beziehen konnte. Ein „Palast mit Säulenhallen und hängenden Gärten, von unberufenen Blicken geschützt – märchenhaft, hochmütig, heilig“, hatte Ihrer Majestät vorgeschwebt. Im Frühjahr 1892 schließlich war die Monarchin um ein Schloß reicher.

Die graecophile Kaiserin gab der Sommerresidenz den Namen „Achilleion“ nach ihrem Lieblingshelden Achilles. In ihm erblickte die einsame Sisi einen Seelenfreund: „Er hat nur seinen eigenen Willen heilig gehalten und nur seinen Träumen gelebt, und seine Trauer war ihm wertvoller als das ganze Leben.“

Trotz intensiver Beschäftigung mit dem griechischen Altertum erwarb sie kein tieferes Verständnis für die Harmonie in der antiken Architektur. Dem Zeitgeist entsprechend, ließ Sisi ein neoklassizistisches Kuriosum errichten, das ein Jahrhundert später bei staunenden Touristen den Rang eines prachtvollen Kunstwerks, in der Kunstgeschichte hingegen den einer eindrucksvollen Entgleisung einnimmt. Lediglich dem „Sterbenden Achill“, einer von Ernst Herter geschaffenen lebensgroßen Plastik, gestehen Kenner einigen künstlerischen Wert zu.

Kaum fertiggestellt, hatte sich die Begeisterung der Kaiserin für ihr prächtiges Domizil schon wieder gelegt. Auch im eigenen Heim fand Sisi nicht die ersehnte Ruhe; ihr Herzenswunsch, den sie im Frühjahr 1892 anläßlich ihres Einzuges lyrisch beschworen hatte: „Eine Königin kam, wie im Märchen eines Tages und blieb hier zur Rast“, erfüllte sich nicht. Sisis Aufenthalt blieb Episode; nur ein Jahr später bot sie den Palast zum Verkauf an.