Robert Wilson ist Regisseur. Obwohl er, strenggenommen, niemals ein Stück nach den Regeln der Regiekunst inszeniert hat. Also ist Robert Wilson wohl eher ein Autor. Obwohl: Richtige Stücke schreibt er nicht. Fernerhin ist Wilson Schauspieler, Tänzer, Choreograph. Zeichner, Maler und Designer. Nicht zu vergessen: Erfinder allerliebster Stühle und Stühlchen, die aber eher zum Bestaunen gemacht sind als zur profanen Benutzung durch kleinere oder größere Gesäße. Kurzum: Robert Wilson ist ein unfaßbarer Mann.

Nur eines ist klar wie die helle Sonne: Wilson spielt mit dem Licht (und also auch mit den Schatten) wie niemand sonst. Am Firmament des Welttheaters ist er die größte Wunderlampe – zahllose Epigonen folgen, wie Sterne und Sternchen, andächtig seiner Bahn.

Die Dichterin Gertrude Stein, ins Reimen vernarrt, hätte am besten sagen können, was Robert Wilson vor allem anderen ist: ein Dichter der Lichter. Aber natürlich hat sie ihn gar nicht gekannt – als sie 1946 starb (Paris), war Robert Wilson (Texas) noch nicht fünf Jahre alt.

Jetzt aber ist es, im Berliner Hebbel-Theater, endlich zum Zusammentreffen zwischen der hohen Dichterdame und dem mysteriösen Theatermann gekommen. Robert Wilson inszenierte, mit Schauspiel- und Regieschülern aus dem Berliner Osten, Gertrude Steins Sprechoper "Doctor Faustus Lights the Lights", ein Wunderwerk der abstrakten Poesie und des absurden Theaters, 1938 als Libretto für eine Oper geschrieben, die natürlich niemals und von niemand komponiert worden ist. Denn Steins Text ist selber Musik genug – ein Hexenritt der Buchstaben und Reime, eine Walpurgisnacht der Wörter. Die Figuren des Dramas sind keine leidenden, faustischen Individuen, sondern Sprechautomaten, mit Armen und Beinen (Ohren keinen?). Ihr Leben ist nur ein Reden, ihr Lebenssaft und einziges Rauschmittel sind die Wörter.

Ein heiliges Theater, vielleicht aber auch ein kindisches – manchmal haben die Litaneien des Stücks und Unstücks die feierliche Strenge einer Liturgie, manchmal die verantwortungslose Albernheit des reinen Sprachspiels. Gertrude Stein zaubert mit den Wörtern wie Robert Wilson mit den Lichtern. Wozu man andächtig hinzufügen müßte, daß auch jedes Wort ein Licht ist, in der Finsternis des Schweigens. Aber schauen wir lieber auf die Bühne, denn das Spektakel wird kurz weilen, nicht länger als ein Fußballspiel, neunzig Minuten.

Schwarzer Bühnenkasten, schwarzer Himmel. Im Himmel ein weißes Rechteck, auf dem Bühnenboden ein weißer Lichtstreifen. Im Licht eine männliche Figur, schwarz, mit dem Rücken, der Schattenseite des Körpers, zum Publikum. Mit einem im Licht schimmernden Zirkel zeichnet sich die Figur Kreise auf die Schädeldecke – dabei ertönt ein Geräusch von splitterndem Holz und brechendem Glas. So fängt es an.

Und das ist das Ende: schwarzer Himmel, weißes Rechteck. Ein schwarzer Holzbalken schwebt in die Höhe, zeigt wie ein riesiger Pfeil genau ins weiße Himmelsloch. Das Ende von Gertrude Steins Drama ist nahe: "Und Faust sinkt in die Finsternis und alles ist finster." Das weiße Rechteck wird immer kleiner, schrumpft, scheint davonzufliegen, wird vom Großen Schwarz verschluckt – wie ein Stern, der im Weltraum verschwindet. Alles finster. Nur der Schwebebalken leuchtet an seiner Spitze plötzlich auf.