Wunstorf

Ein 40 000 Einwohner zählendes Städtchen führt einen Glaubenskrieg um der Deutschen Prestigesymbol und Umweltschädling Nummer eins: das Auto. Stellvertretend sozusagen, denn berufenere Stellen wichen dem Streit aus. Nun ist es nicht etwa so, daß in Wunstorf besonders umweltbewußte Menschen leben. Die politischen Karambolagen entstanden vielmehr, weil die Stadt im Landkreis Hannover Schauplatz eines Autorennens ist.

Seit 28 Jahren dröhnen einmal im Frühsommer Auto- statt Transall-Motoren auf dem Wunstorfer Fliegerhorst. Der ADAC organisiert auf dem Militärgelände ein international anerkanntes Autorennen. Lange Blechschlangen kriechen im Schritttempo an jenen militärisch abgesicherten Ort, wo 150 Motorsportler vor 30 000 Zuschauern unbeschwert auf ihre Gaspedale treten dürfen.

Schon im vorigen Jahr hätte nach dem Willen der Grünen die lärmende PS-Schau ausfallen sollen. Angesichts von Klimakatastrophe und Waldsterben brachten sie einen „Mißbilligungsantrag“ gegen das Rennen in den Stadtrat ein. Womit deutlich ist: Verbieten kann Wunstorf das Rennen überhaupt nicht, selbst wenn sich eine Mehrheit dagegen finden sollte. Die Bundeswehr als Hausherr auf dem Fliegerhorst entscheidet über Sein oder Nichtsein.

Bis heute hat der Stadtrat allerdings auch über den „Mißbilligungsantrag“ nicht befunden. Das heißt nicht, daß den Kommunalpolitikern von anderer Stelle die Entscheidung abgenommen worden wäre. Wer immer sich zwischenzeitlich mit dem Rennen befaßte, schob den Schwarzen Peter gerne weiter.

Zunächst der Petitionsausschuß des Bundestages, der vom Bund für Umwelt und Naturschutz angerufen wurde: Die Parlamentarier bescheinigten zwar, daß der Motorsport auf dem Fliegerhorst „nicht (mehr) vertretbar“ sei. „Angesichts der ständig wachsenden Zerstörung der natürlichen Umwelt als Lebensgrundlage von Menschen, Tieren und Pflanzen und der damit einhergehenden Bedeutung des Umweltschutzes“ sollte das Rennen – das in Nähe des Steinhuder Meeres, eines international geschützten Feuchtgebietes – gestartet wird, zumindest aus der Vegetationsperiode verbannt werden. Alles weitere jedoch überließen die Abgeordneten der Bundeswehr. Und die signalisierte, daß ihr Jawort davon abhängig sei, ob sich die Stadt hinter das Rennen stelle. Die Landesregierung schließlich hielt es ähnlich: Es sei prinzipiell Sache der Kommune, „sehr sensibel“ an die Zulassung von Motorsportveranstaltungen heranzugehen.

So stand Bürgermeister Friedhelm Mejne ratlos da, als ihm der ADAC – wie üblich – die Schirmherrschaft über das Rennen antrug. Der Sozialdemokrat, gelernter Kfz-Mechaniker, rang sich zu einer Zusage durch, obwohl ihn seine eigene Fraktion aufgefordert hatte, abzulehnen.