Von Joachim Fritz-Vannahme

Paris, im April

Der Präsident war, gelinde gesagt, überrascht, sein Regierungschef reagierte empört, und die parlamentarische Opposition war einmal ganz seiner Meinung. Der rechte Figaro runzelte streng die Stirn, die linke Liberation wurde rot vor Wut und Scham. Und das Wochenmagazin Le Point brachte das Photo eines alten Mannes beim Spaziergang auf den Pariser Boulevards, rechts und links gestützt, mit Sonnenbrille mitten im Januar, der Gehstock ein Attribut seiner 77 Jahre, der Seidenschal als diskreter Ausweis eines bescheidenen Wohlstandes: Paul Touvier, der einst gefürchtete Milizchef von Lyon, der Vor- und Zuarbeiter des Schlächters Klaus Barbie und der Gestapo, ist frei.

Dieselben Pariser Richter, die ihm schon zur Jahreswende "aus gesundheitlichen Gründen" die Untersuchungszelle öffneten, auch wenn die Ärzte den alten Herrn für gesund erklärten; dieselben drei Männer in der roten Robe, denen manche Kollegen trotz aller Richterschelte den Respekt nicht versagen und in denen andere "die reaktionärste Kammer des ganzen Pariser Justizpalastes" vermuten – diese drei Richter also sprachen im Namen des Volkes Skandalrecht: Paul Touvier wird gar nicht erst vor Gericht gestellt. Er darf in Freiheit sterben, anders als Klaus Barbie. "Ein Deutscher, der Juden massakriert, darf mit Verjährung nicht rechnen. Ein Franzose, der sich bei derselben Tat zum Komplizen macht, verdient die Milde der Zeit für eine Art Jugendsünde", kommentiert Libération bitter.

Milde waren nicht erst seine Richter mit Paul Touvier. Im Jahr 1947 verhaftete die Polizei den damals in Abwesenheit zum Tode Verurteilten nach einem Raubüberfall. Nach sechs Tagen Haft bot sie ihm Gelegenheit zur Flucht. Vier Jahrzehnte lang floh "Monsieur Paul" dann von Kloster zu Kloster, von Sakristei zu Sakristei. Der Fluchtort des gläubigen Katholiken und Pétain-Anbeters lag immer im Schatten der Soutane. Zeitweilig führte Touvier als Postadresse 1, place de la Fourvière, Lyon, 5. Bezirk – die Anschrift des erzbischöflichen Amtssitzes. Dort unterhielt sich selbst der damalige Kardinal Pierre-Marie Gerlier mit dem "Flüchtling". Und dorthin leitete mit Poststempel vom 12. März 1970 die Sûreté nationale ihren Briefwechsel mit Touvier. Vom Bischofspalast aus spann schließlich Kardinalssekretär Duquaire alle Fäden für eine Begnadigung Touviers durch Präsident Georges Pompidou.

Der Gnadenakt, ein Jahr lang geheimgehalten, machte aus dem Fall Touvier 1972 dann einen Skandal: Pompidou wollte damit einen Schleier des Vergessens über die "schwarzen Jahre" der französischen Kollaboration mit den deutschen Besatzern werfen, und das ausgerechnet in einem Augenblick, da die französischen Medien das Thema gerade entdeckt hatten. Nach der Befreiung Frankreichs wurden bei den Säuberungen nur kleine Mitläufer und prominente Vordenker, nur Handlanger und Intellektuelle verurteilt – über die Beamten des État Français hielt die erste Nachkriegsrepublik ihre schützende Hand. Denn diese vier Jahre zwischen 1940 und 1944 litt das Land nicht nur unter dem braunen Joch, sondern auch unter einem verkappten Bürgerkrieg, in dem sich die uralten Fronten zwischen rechts und links, strammen Konservativen und Faschisten und laizistisch-linken Republikanern gegenüberstanden. Unter diesen blutigen Streit wollte General de Gaulle nach der Befreiung rasch einen Schlußstrich ziehen. Der Preis dafür war hoch, zu hoch, wie viele Franzosen heute meinen. Denn Milde für Touvier und seinesgleichen bewiesen Polizei, Staatsapparat, Kirche; am Ende dieses erbärmlichen Lebens auf der Flucht trug nun auch die Justiz ihren gnädigen Teil dazu bei.

Nach Pompidous Amnestie hatte der Protest engagierter Anwälte wie Serge Klarsfeld dafür gesorgt, daß der Fall Touvier neu aufgerollt wurde. Genau wie bei Klaus Barbie, dem Klarsfeld und seine Gattin Beate damals in Bolivien auf die Spur gekommen waren, wurde dabei das Gesetz über Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Grundlage: ein Gesetz, das Mitte der sechziger Jahre, als die Verjährung für Kriegsverbrechen drohte, in vielen Ländern verabschiedet wurde, um den Schuldigen an Judendeportationen oder Geiselerschießungen auch künftig den Prozeß machen zu können. Ein Gesetz auch, das selbst seine Befürworter für schlecht abgefaßt halten. Die Nationalversammlung in Paris müht sich darum seit langem um eine genauere Bestimmung jener Verbrechen, die unter diesen Paragraphen fallen.