Zwei brütende Storchenpaare gebe es in Berlin, erzählen Hohenschönhausener mit einem Anflug von Frohmut, und „beide hier bei uns“. Da haben die Rotstrümpfe sich also in unmittelbarer Nachbarschaft von 80 000 Menschen niedergelassen, so viele nämlich wohnen in dem in den siebziger Jahren hochgezogenen Neubauviertel des (Ost-)Berliner Stadtbezirks. Zu vermuten sind die Störche natürlich weiter draußen, dort, wo die Landschaft nur teilweise zubetoniert ist, wo in Kleingärten und auf landwirtschaftlich genutzten Streifen Grün: übrigblieb.

Doch Naturbeobachtung – für dieses; Hobby haben die meisten Einwohner Hohenschönhausens gegenwärtig nur wenig Muße. Sie müssen ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen widmen: Die Arbeitslosigkeit ist, wie in den Neubauvierteln Marzahn und Hellersdorf, die höchste in ganz Berlin. Von der Kommune abgesehen, die etwa 6000 Beschäftigte hat, gibt es nur drei größere Arbeitgeber, rund 900, 600 Und 300 Stellen. Investoren lassen sich nicht blicken; einzig glitzernde Ladenketten und farbenfrohe Imbißbuden künden vom vielbesprochenen Aufschwung.

Mißmut, Verzagtheit, Trotz – zur Beschreibung einer allgemeinen Stimmungslage dürfen diese Begriffe nicht fehlen. So kann es nicht verwundern, wenn alles, was irgendwie eine mögliche Entwicklung im Bezirk betrifft, sofort zum Stadtgesprächsthema wird. Als Anfang des Jahres Überlegungen des Berliner Senats über den Neubau von Wohnungen in Hohenschönhausen wie im ganzen Nordosten der Stadt in die Öffentlichkeit gelangten, wurden die Bewohner hellhörig. Die Dörfer Wartenberg und Falkenberg sollten verstädtert werden. Erste Zahlen über den Umfang der geplanten Wohnviertel sickerten durch. Von 100 000 Wohnungen für 300 000 Menschen war die Rede. Und ist noch die Rede: Eine neue Großsiedlung, gleich nebenan? Wo wir doch schon genug Probleme hier haben? Da wurde ein Kind totgefahren, auf dem Schulweg, weil es nicht genug Schutzwege gibt; früher wurden jährlich zwanzig Ampelanlagen installiert, inzwischen liegt die Ampeltechnik aus DDR-Produkten auf Lager... Alle Probleme geraten durcheinander, eine geordnete Debatte kommt nicht zustande.

Derweil geraten Sitzungen der Bezirksverordnetenversammlung zu Auftakten für die bevorstehenden Auseinandersetzungen, im Mai finden Kommunalwahlen statt. Auf der jüngsten Sondersitzung, beantragt von der PDS, stand der Bereichsentwicklungsplan für Hohenschönhausen auf der Tagesordnung. In Sachfragen kamen die Parteienvertreter dabei keinen Schritt weiter. Der Baustadtrat verwies auf die begrenzte Kapazität seiner Behörde, die zusammen mit Bündnis 90/Grüne in der Verantwortung stehende SPD wollte eine Abstimmung über die zulässige Höchstzahl von Unterfragen einer großen Anfrage, CDU und PDS stritten über den im Einigungsvertrag festgeschriebenen Bestandsschutz für Kleingärten.

So nahmen zwangsläufig Bürger die Angelegenheiten in eigene Hände. Seit Februar gibt es eine Bürgerinitiative gegen Betonköpfe und Betonwüsten in Berlin (BBBB). Es sind Ingenieure, Ökonomen, Lehrer, zehn an der Zahl im aktiven Kern, die sich zusammengefunden haben, fast alle sind arbeitslos. Sie wollen dem verbreiteten Kleinmut ihrer Mitbürger begegnen und eine Mitsprache im Bezirk ermöglichen.

Doch vor allem kritisiert die BBBB die Baupläne des Senats. Mit dem Wohnungsbau würden die in Hohenschönhausen ohnehin ungenügenden Erholungsflächen verkleinert und die Grünschneise, die bis in das Zentrum hinein das Stadtklima günstig beeinflusse, zerstückelt. Die Bürger vermuten Gründe für den massiven Neubau: Mit der Umgestaltung des Zentrums, dem großzügig geplanten Regierungsviertel, Luxussanierungen im Kiez, im alten Scheunenviertel beispielsweise, protzigen Olympiabauten werden Tausende aus ihren Wohnungen im Stadtinnern verdrängt. Und die BBBB macht Gegenvorschläge, fordert verstärkt Rekonstruktionen. „Es gibt andere Ecken in Berlin, wo der Bebauungsgrad nicht so hoch ist und der soziale Abgrund nicht so nahe!“ Womit auch „die guten Wohnlagen“ im Westteil gemeint sind.

Allerdings sind die Zahlen, die unter den Einwohnern von Hohenschönhausen kursieren, offenbar zu hoch gegriffen. Das Konzept der Stadtplaner für den Nordosten sieht – langfristig – den Bau von 36 000 Wohnungen vor. Zehntausend sollen durch Verdichtungen in Gebieten mit Einfamilienhäusern entstehen, die dünner als vergleichbare im Westteil besiedelt sind. Auf den Feldem von Karow-Blankenburg werden weitere 10 000 Wohnungen in drei- bis vierstöckigen Häusern gebaut. Und, als Stadterweiterung in diesem Gebiet, entstehen 14 000 bis 16 000 Wohnungen auf ehemaligen Rieselfeldern, die aber inzwischen schön ausgetrocknet sind. Hier ist auch an Fünfgeschosser gedacht; Hochhäuser, die ganz und gar nicht in die Landschaft paßten, wird es nicht geben ... Drei neue Parks sollen die Klimaschneise soweit wie möglich erhalten und als Freizeitflächen erst einmal herrichten.